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Wie Niemayers harte Linien zu genialen Kurven wurden

  • dS
  • 20. März 2023
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Juli 2025


„„Der rechte Winkel zieht mich nicht an und auch nicht die gerade, harte inflexible Linie, die der Mensch geschaffen hat. Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde.“  - Oscar Niemayer

Anfangs bleibt er der strengen Orthogonalität der modernen Architektur treu, erweitert sie aber immer mehr mit Kurven. Das Spielen mit Kurven setzt ihn immer weiter von anderen Architekten seiner Zeit ab. Diese Entwicklung ist bemerkbar, vergleicht man zum Beispiel das Ministerium für Bildung und Gesundheit (heute Kulturpalast Gustavo Capanema) in Rio de Janeiro, unter Mitarbeit von Le Corbusier und Lucio Costa, 1943 mit dem Edifício Copan in Sao Paulo, 1966. Das Ministerium für Bildung und Gesundheit zeigt Tendenzen des Modernismus mit dem 10 Meter hohen, luftigen ersten Geschoss, Rundstützen und dem darauf aufbauenden Gebäude. Die Fassade, befreit von Stützen, ermöglicht architektonische Gestaltung als reine Fensterfläche. Süd- und Nordfassade unterscheiden sich durch die durch für die Sonnenseite zusätzlichen horizontalen Unterteilungen als Verschattungselemente und hinter gesetzten Fensterflächen. Das Edifício Copan ist eine 140 Meter hohes Wohnhaus für 5.000 Menschen und gilt mit über 100.000 Quadratmeter Wohnfläche und 32 Stockwerken als vertikale Stadt mit eigener Postleitzahl. Die Form gleicht einer im Wind wehenden Flagge, was als Symbol des politischen Aufschwungs Brasiliens gedeutet werden kann.



Besonders gut zu erkennen bei beiden Gebäuden ist der Drang nach strenger Einheitlichkeit des Modernismus gepaart mit der Ideologie der egalitären Sichtweise menschlicher Bedürfnisse. Man bemerkt den Einfluss Le Corbusiers, welcher den Wohnraum 1921 als „Wohnmaschine“ tauft. Die Ideen des Modernismus treffen bei Niemayer auf ein offenes Ohr und passen auf das kommunistische Weltbild sozialer Gleichheit, Freiheit und einer klassenlosen Gesellschaft. Er scheint diese Werte in seinen Gebäuden durch einheitliche und strukturierte Fassaden einzubringen.

„Meine Arbeit als Architekt hat mit Pampulha begonnen. Ich wollte neue Architektur schaffen.“ – Oscar Niemayer

Er wird für den Bau einer Kirche, einem Kasino, einer Tanzhalle und einem Tennisklub für Juscelino Kubitschek (damaliger Bürgermeister) rund um einen künstlich angelegten See in einem neuen Viertel außerhalb der Stadt Belo Horizonte engagiert. Niemayer erarbeitete, auf Kubitscheks Wunsch den Entwurf für das Kasino innerhalb einer Nacht. Damit stand er in seiner Gunst und Kubitscheks Privathaus am Seeufer de Pampulha wurde ihm in Auftrag gegeben. Von allen Bauten des Pampulhakomplexes ist die Kirche São Francisco de Assis wohl das experimentierfreudigste Gebäude und architektonisches Glanzstück des Komplexes. Es wurde lange von der staatlichen Kirchenobrigkeit aufgrund seiner unkonventionellen Form nicht anerkannt. Die Kirche drückt seine bescheidene und traditionsfreie Formensprache und Innovationslust aus.

Durch den Kontakt mit Kubitschek gelangte Niemayer an weitere Beauftragungen in Belo Horizonte, wie die großen Wohnkomplexe Juscelino Kubitschek im Stadtzentrum, und dem Wohnkomplex Praca Liberdade im Prestigeviertel Lourdes. Letzteres zeigt den klaren, mittlerweile bekannt gewordenen Niemayer-stil einer geschwungenen Form und dem ersten, hohen Geschoss mit Stützen. Er nutzt die Brise-Soleil als Gestaltungselement, die ein Geschoss dreimal umläuft und das Gebäude filigraner aussehen lässt.

In Berlin wurden für den Interbau dreiundfünfzig Architekten, als Vertreter des Neuen Bauens auserwählt, um den Wiederaufbau Deutschlands voranzutreiben. Unter anderem standen mit Walter Gropius, Alvar Aalto, Le Corbusier, Egon Eiermann und Arne Jacobsen große Namen im Raum. Niemayers Entwurf gehört zu den 35 realisierten Bauten des Projekts.

Sein wahrscheinlich einflussreichstes Privathaus „Casa das Canoas“ hat Niemayer für sich in Rio de Janeiro gebaut. Es zeigt nun seine vollständige Widmung der Kurven und geschwungener Dachformen, wobei er Aspekten der modernen Architektur wie offenen Grundrissen und großzügigen Fensterfassaden treu bleibt. Schlafräume befinden sich in einem Untergeschoss und heben sich komplett von der Form des repräsentativen Obergeschosses ab, in welches eine Steinformation ragt. Es bringt die Natur Wort wörtlich in das Haus und verzichtet auf Ornamente. Walter Gropius, der firm zur Bauhausbewegung und zur Massenfertigung stand, kritisierte, dass das Haus in Serie nicht reproduzierbar sei. Er wies die Kritik zurück und entgegnete damit, dass das Haus für ihn und nur für die besondere Lage entworfen worden sei.

Er verfasste einen Artikel als Manifest, in welchem er selbstkritisch auf seine bisherigen Werke eingeht. Er schreibt er habe zu viele Aufträge angenommen und diesen nicht genug Zeit geschenkt. Weiter verpflichtet er sich zukünftig die Grundidee der Architektur besser vertreten zu wollen. Diese Selbsteinschätzung war ein mutiger Schritt in Richtung einer Veränderung seiner eigenen Werte. Er baut von nun an simpler und konzentriert sich auf den Impakt der Ästhetik.

„Wenn Form Schönheit schafft, liegt die Rechtfertigung in der Schönheit selbst.“ – Oscar Niemayer

​Es folgte ein Prestige-Projekt. Mit dem Aufstieg Juscelino Kubitscheks zum Staatspräsidenten kam die Beauftragung der Planung einer neuen Hauptstadt Brasilia. Ein ambitioniertes Mega-Projekt, das in 4 Jahren fertiggestellt sein sollte.Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, an dem 26 namhafte Architekturfirmen der Zeit teilnahmen. Lucio Costa hatte zwar nicht teilgenommen, bekam jedoch nach Vorstellung seiner Idee das Projekt zugesprochen. Costa fertigte einen Pilotplan als Aufsicht in Form eines Flugzeuges an, das einer gekurvten Achse, Wohnquartiere in den Flügeln und einer zweiten Achse administrative Bauten zuteilt. Am Knotenpunkt beider Achsen befindet sich der Busbahnhof. Die Quartiere der Flügel wurden in Modulen, sogenannten Superquadras unterteilt und mit Regeln für Anhäufungen versehen. So mussten alle Superquadras einen Riegel für Geschäfte, 4 Superquadras einen Park, 8 ein Krankenhaus, beinhalten. Niemayer wurde mit der Planung der Monumentalbauten beauftragt und hat mit seinen Bauten (u. a. Kathedrale von Brasília, Nationalkongress, Alvorada-Palast, Itamarati-Palast, Planalto-Palast) außerordentliche Ikonen skulpturaler Natur geschaffen. Sie bereichern das Stadtbild und zeigen neue Möglichkeiten des Stahlbetons. Die Stützen der Kathedrale von Brasilia überspannen 40 Meter freien Raum und schließen das Gebäude gekonnt mit einer Kronenform ab.

„Nie wieder wird die Zukunft so gut aussehen wie mit den Bauten des Brasilianers.“ - Carmen Stephan

Der Planalto-Palast und Alvorada-Palast ähneln sich grundsätzlich durch ein großflächiges, quadratisches, auskragendes Flachdach, einen zentralen Baukörper mit filigraner Fassade und eine neu gedachte Form schlichter Außenstützen, die die Gebäude asymmetrisch umfassen. Er setzt einer Vielzahl symbolischer Bauten Wasserkörper vor, was besonders für Fotografien einen wunderbaren Effekt erzielt. Der Itamarati-Palast aus Brasilia gleicht fast eins zu eins seinem Verlagsgebäude Mondadori in Mailand. Nach Fertigstellung seiner Werke in Brasilia ist er zweifellos zum Meister der Formfindung von Stahlbetonbauten aufgestiegen. Er scheint Monumentalbauten neues Leben einzuhauchen und gibt Ansporn, komplett neu zu denken. Man merkt seine neu gefundene Wahrnehmung und das Prinzip aus seinem Manifest. Dieser Durchbruch ist von großer Bedeutung und er konzentriert sich nun auf Aufträge für Museen, Galerien, Monumente und Auditorien.


Das Museum für zeitgenössische Kunst in Niteroi fügt sich grazil in die Landschaft seiner Umgebung ein. Rampen nutzt er als architektonische Akzente und maßt auch Ihnen eine neue Dimension als Skulptur an. Dadurch gibt er den Nutzern auch oft einen neuen Blickwinkel auf die Landschaft oder das Gebäude und verändert den Eingang in ein Gebäude signifikativ. Die Tendenz Treppenhäuser vom Gebäude zu entfernen ist bereits in früheren Werken bemerkbar. Er weicht bei Rampen, Treppen und anderen Bauelementen gerne von Standards ab und erstellt zum Beispiel Rampen und Stege mit Geländer aus Beton oder verzichtet auf Geländer komplett. Damit vereinheitlicht er das Erscheinungsbild, ob außen oder innen. Mit den Richtlinien und Normen von Heute wäre diese Freiheit undenkbar.


„Man muss gegen die funktionalistische Architektur ankämpfen, die sich des armierten Betons bedient, um rechtwinklige und öde Räume zu gestalten.“ – Oscar Niemayer

Niemayers Beitrag zur Architektur ist allein schon aufgrund seines extensiven Volumens eindrucksvoller Bauten von außerordentlicher Bedeutung. Auf der Suche nach neuen Formen instrumentalisiert er Stahlbeton, stellt ihn immer wieder auf die Probe und entwickelt ein enormes Verständnis seiner Anwendungsmöglichkeiten. Immer und immer wieder zeigt er, wie Architektur einen emotionalen Effekt von Überraschung oder Schock bewirken kann und soll. Das alles vereint er mit der politischen Nachricht und Ideologie, dass Architektur für Alle gleichermaßen von Nutzen sein soll. Sein Lebenswerk erinnert alle daran, dass Schönheit überall einen Platz findet, sogar in einem Fernsehturm, und das Funktionalismus, zwar wenn nützlich, nicht im Mittelpunkt aller Angelegenheiten stehen muss. Damit diese Erkenntnis nicht in Vergessenheit gerät hat er vehement in einer langen Karriere für Formen gekämpft.

Einige Architekten haben den Kern Niemayers Vision aufgefasst und versucht seine Arbeit fortzusetzen. Allen voran kann Zaha Hadid genannt werden, die ebenso, wenn nicht noch schwungvoller baut. Auch Frank Gehry hat sich der Aufgabe der Formfindung gewidmet. Jedoch strahlen die Bauten beider nicht die gleiche Bescheidenheit, sondern eher Exuberanz aus. Sie führen jedoch die Suche nach Formen in exzellenter, eigener Weise fort. Santiago Calatrava ebenso, mit dem Unterschied, dass er Formen der Natur raffiniert in Architektur zu übersetzen vermag. Als Schlusssatz ein sehr passendes Zitat:

Meine Architektur ist einfach zu verstehen und zu genießen. Ich hoffe, auch schwer zu vergessen. - Niemayer

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