Der Effekt des Barock: Bewegung in der Architektur
- dS
- 7. Dez. 2019
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Aktualisiert: 11. Juli 2025
„Barock ist die letzte Stufe aller Kunst, wenn Kunst stolz ihre Mittel verprasst.“ – Jorge Luis Borges
Der Barock entwickelt sich im 16. und 17. Jahrhundert als Zusammenspiel formgebender Dekorationen im Innenraum sowie an Fassaden, Bewegung zu bauen. Der Mensch als Betrachter rückt in den Mittelpunkt und Gebäude erhalten, je nach Perspektive und Lichteinfall, ein eigenes Erscheinungsbild. Historisch ist sie Reaktion auf Martin Luthers Protestantenbewegung Anfang des 16. Jahrhunderts. Anstatt Menschen durch Inquisition zurück zur Kirche zu zwingen, wird die barocke Bauweise instrumentalisiert um Menschen durch prachtvolle Verzierungen wieder in Sakralbauten zu locken. Barocke Bauten stehen vermehrt im Raum des weströmischen Reichs und schaffen es durch den Einfluss Europas auch in Kolonien bis nach Südamerika.
Die vergangene Renaissance hatte ausdrucksstarke Kunst weit vorangebracht, nun widmete sich die Kirche als Geldgeber spendabel ihren Machtbauten in Rom, um Menschen zurück in die Gotteshäuser zu bringen. Architekten und Künstler konzentrieren sich auf den Ausdruck dramatischer Bewegung und drücken ihren Geschmackssinn scheinbar frei aus. Man spricht von prunkvoller Üppigkeit, im Innen- sowie im Außenbereich. Die Rückkehr zu Natursteinen wie Marmor, reichlich verarbeitet, zeugt vom Luxusgedanken. Die Kirche stellt ihren Reichtum in gebogenen Fassaden geschwungener Formen und wellenförmigen Linien dar. Kunst wie Fresken und Skulpturen im Innenraum werden mit hell-dunkel Kontrasten gekonnt inszeniert, um Jesu Leid zu vermitteln. Kunstvoll können Dekorationen auf mitreißende Art und Weise sogar Schuldgefühle vermitteln, was die Kirche für ihre Zwecke in Szene setzt. Die Baukörper jedoch zeigen durch monumentale Größe, großflächige Kuppeln und hohe Räume Macht und Erhabenheit. Formgebendes Merkmal barocker Kirchen ist eine Verbindung von Zentral- und Langgebäuden, in der Pedententifkuppeln oft hintereinandergeschaltet wurden. In symmetrischen Grundrissen experimentierte man oft mit Raumformen, Lücken werden mit Wandmasse gefüllt. Das erzeugt zunehmende oder abnehmende Wandprofilierungen, einen Materialverschleiß den man auf der Suche nach theatralisch wirkenden Innenräumen in Kauf nahm. Im Außenbereich gelangen Gebäude durch dramatisch geschwungene Fassaden an Dramatik und Emotion, die Licht und Schatten ausdrucksstark in Szene setzen. Dekorative Halbstützen römischer Bauten wurden im Barock zu Doppelstützen weitergeführt, rein weil man es konnte und die Kirche als Geldgeber vom dekorativen Bauen überzeugt war. Vuten, gesprengte und geschwungene Giebel und mächtige Schlusssteine über Fenstern schmücken Fassaden aus.


Betrachtet man die eigenartige Mischung des Barocks aus stolzem Baukörper, erhabener Fassade und dramatischer Schuldvermittlung im Innenraum, gleicht es etwas einer organisierten Falle. Die Fassade erzeugt Staunen und ermutigt zum Eintritt, im Innenraum herrscht eine bedrückende und ehrfurchtauslösende Stimmung. Nichtsdestotrotz bleibt es eine prachtvolle Vermischung von Handwerkskunst und Emotion, in der Innenräume Leinwänden der Malerei gleich werden. Der sakrale Raum als ruhestiftender und besinnlicher Raum wurde verbannt, es herrscht ein ausdrucksstarkes, fingerzeigendes Gefühl, in dem Gläubige scheinbar rein aus Ehrfurcht oder Angst ein schnelles Gebet gaben. In diesem Raum zu verweilen gab sicherlich kein Gefühl von Geborgenheit und Hoffnung. Der Konkurrenzkampf von Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) und Francesco Borromini (1599-1667) prägt diese Zeit in Rom bedeutend. Beide Bildhauer und Architekt, fast gleich alt, nutzen Roms städtischen Raum als Spielwiese ihrer Baukunst, Rom wird so zum Barockzentrum Europas. Borromini, anfangs in einem Arbeitsverhältnis unter Bernini, störte sich an der zurückhaltend wirkenden Architektur Berninis und kam mit seiner aufrührerischeren Schaffungsgabe und Innovationslust an eigene Bauprojekte. So baute er 1641 die San Carlo alle Quattro Fontane in Rom, eine kleine Kirche mit einer gewölbten, ovalen Kuppel. Er vereinte des Öfteren strenge geometrische Prinzipien mit der Dramatik des Barocks, auch zum Beispiel an der Sant'Ivo alla Sapienza von 1660 in Rom, ein sechseckiger Bau mit spiralförmigen Kuppel. Er gilt als Perfektionist, der sich lieber auf wenige, aber außergewöhnliche Projekte konzentrierte und hinterließ der Architektur stilistisch bahnbrechende Bauwerke. Bernini kam durch seine Vielseitigkeit und Verbindung zum Papst an ein deutlich höheres Volumen an Bauwerken als Borromini. Unter anderem baute er öffentliche Plätze, Brunnen, Skulpturen und Grabmäler und verewigt sich im bedeutenden Bau des Petersplatz 1667 in der Vatikanstadt. Durch oval angeordnete Kolonnaden, an einer Seite offen, stellt er baulich die Umarmung und das Willkommenheißen der Kirche dar, das für große Versammlungen der Gläubigen noch heute genutzt wird. Die Sant'Andrea al Quirinale aus 1670 in Rom zeugt von seiner schlichteren, monumentaleren Bauweise im Vergleich zu Borromini.
„Wo der Barock schwer, massiv und Unterdrücker war, ist der Rokoko grazil, leicht und inspirierend.“ – William Fleming
Rokoko spaltet sich vom religiösen Charakter des Barocks ab und widmet sich, innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne, dem Ausdruck weltlichen Luxus und Reichtum des Sonnenkönigs Luis XIV und der mächtigen Adelsschicht. Der Begriff lässt sich von der französischen Rocaille, einem muschelförmigen c-förmigen Ornament, ableiten. Ausschmückungen werden in Hülle und Fülle, verstärkt im Innenbereich, Instrument zur Verdeutlichung zweifellosen Vermögens. Angespornt durch die Identifikation von Raum und Reichtum, gelangen Ornamente von der Verzierung des Raumes in die Dominanz, die teilweise an übertriebene Provokation grenzt. Die Handwerkskunst lag hoch im Kurs und Künstler wurden aus ganz Europa engagiert. Eine spannende Zeit für Künstler, die Auftraggeber und Anlass hatten, sich voll und ganz ihrer Kunst zu widmen.
Der Barock hat der Kirche in Zeiten ihrer labilen Position in der Gesellschaft zu neuem Glanz verholfen und eine neue Bauweise voller Kunst hervorgebracht. Seine enge Bindung an die Interessen der Kirche sowie extrem hoher Aufwand von Handwerk und Kosten, schaffen Bauwerke als wunderbare Vertreter damaliger Kunst und Wissen. Jedoch fand Barock außer in prunkvollen Machtbauten keine weiter Anwendung. Er ist eine Prestige-Baustil des damaligen Westeuropas, dessen Tendenzen teilweise Palast- und Villenbauten im gleichen Raum dieser Zeit beeinflussten und den wesentlich verspielteren Rokoko formten. Barock als Instrument der westeuropäischen Kirche verschwindet aber genauso schnell wie er entstand und ist in gleichem Maße nicht wiederzufinden.




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