Römische Architektur: Ein Erbe von Stabilität, Funktionalität und Macht
- dS
- 17. Sept. 2019
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Aug. 2025
„Fortes, fortuna adiuvat = Wer wagt, gewinnt.“ - Terenz
Die Römer und ihr Imperium haben Erstaunliches vollbracht. Die Stadt Rom und wird zum Zentrum eines expandierenden Weltreichs, das den Mittelmeerraum lange Zeit beherrscht. Innerhalb der Zeitspanne von ca. 750 v. Chr. – 700 n. Chr. entsteht die gigantische Entwicklung einer Königszeit, Republik und Kaiserzeit bis hin zum Imperium. Die Erfolgsgeschichte ist geschrieben durch rohstoffreiche Böden, Erfindungs- und Entwicklungslust, Handelsbeziehungen, Rechtsprechung sowie militärische Dominanz und Friedensverträge. Sie haben viel gewagt und oft gewonnen.
Sie entwickelten sich aus dem Volksstamm der Etrusker, die von ca. 800 – 50 vor Chr. in der Region Mittelitaliens in Lehmhüttensiedlungen lebten und als erste Zivilisation Italiens Grundsteine für die römische Entwicklungsgeschichte legen. Landwirtschaft ihres fruchtbaren Bodens, Bogen- und Gewölbebau, Keramiktechniken, Bodenschätze aus Erzminen und ihre Technikaffinität verhalf ihnen zu Ansehen und Reichtum. Bronze und Eisen schmiedeten sie zu Waffen, Schmuck und Werkzeugen und machte sie zu begehrten Handelspartnern im Mittelmeerraum. Es formte sich ein Netz wohlhabender Stadtstaaten vielschichtiger Gesellschaften mit Adligen und Sklaven. Ca. 500 v. Chr. vertrieb die mittlerweile einwohnerreiche Republik Roms ihre etruskischen Herrscher bis ca. 30 v. Chr. die Romanisierung Etruriens endgültig abgeschlossen war. Reiche Etruskerfamilien integrierten sich in Roms breite Oberschicht in einem langwierigen Übergang geprägt von gegenseitigem Beeinflussen.
„Das eroberte Griechenland eroberte den wilden Sieger.“ – Horaz (Quintus Horatius Flaccus)
Wild und unkultiviert, wie der Dichter Horaz sein eigenes Volk schimpft, waren sie nicht. Jedoch besaß die römische Kultur, aus Perspektive antiker Griechen, nicht die gleiche geistige Sinnhaftigkeit. Stattdessen konzentrierten sie ihr Wachstum auf Expertise der Kampfführung, Ausbau von Infrastruktur, Handwerk sowie Rechtsprechung. Die Römer kapitulierten über viele Völker und bewiesen mit organisierter Kriegsführung einer scheinbar endlosen Soldatenmasse rund um das mediterrane Meer ihre militärische Tapferkeit. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, was ihnen Verhandlungsbasis gibt, auch durch Friedensverträge ihr Reich zu erweitern. Ihre Ausbreitung war nicht Teil einer religiösen Ideologie, es ging nicht um Ausrottung, sondern um Einflussnahme. Das war ein wichtiger Erfolgsfaktor, denn man konnte unter Tributzahlungen weiterleben und gewann einen großen Handelspartner mit Infrastruktur. Der Sieg über die Griechen im letzten Jahrhundert vor Christus bedeutete das Ende der Republik und Beginn des Imperium Romanum. Indem sie die Leistungen der griechischen Kultur anerkennen und integrieren, hat nach Horaz sozusagen der Verlierer den Sieger erobert. Sie übernehmen und erweitern griechische Bautechniken und führen Niederschreibungen über Typologien von Residenz- und militärischem Quartiersbau, entwickeln die Agora zum Forum Romanum und verschiedene Mauertechniken sowie Ziegelformen und den Betonbau. Außerdem erweitern sie Stützenordnungen um die Toskana (dorische Anpassung etruskischer Stützen) und die Komposita (Vereinigung aller drei griechischen Stützenstile). Da ihr massive Beton- und Ziegelbauweise aber nicht der griechischen Skelettbauweise gleicht, sind Stützen für Fassaden meist ein rein dekoratives Element. Sie bauten sie meist als gestalterische, nicht tragende Halbstützen und zeigen damit, dass sie diese nicht unbedingt benötigen, ihre gestalterische Eigenschaft jedoch wertschätzen. Sie bauten mit Straßen, Brücken und Aquädukten eine weitreichende Infrastruktur, Kasernen und Kriegsmaschinen für das Militär und Mehrgeschossbau, Amphitheater, Basiliken und Thermen für die Bevölkerung. Durch verbesserten Straßenbau tendiert ein Teil der Oberschicht Villen im Umkreis zu bauen. Aus gleichem Grund kommt man zum Sprichwort „Alle Wege führen nach Rom“.

Alle Wege führen nach Rom.
Das Straßennetz des römischen Imperiums ist unvergleichbar zu ihren Vorgängern. Städte und Provinzen wurden durch Pflasterstein und Beton schnell miteinander vernetzt. Der Beton war keine Erfindung, sondern eine Entwicklung der schon bekannten Mörtelmasse ihrer Mauerwerke, unserer Zementmischung Kalk, Sand und Wasser chemisch fast identisch. Durch Zugabe vulkanischer Asche ungefähr im zweiten Jahrhundert v. Chr. wurde die Mischung zu einem wasserdichten, haltbareren und starken Material, dem Puzzolanebeton oder „Opus caementitium“. Da sie mit den Bautechniken des Mörtels bereits bekannt waren, erörterten sie rasch die neuen Anwendungsmöglichkeiten des Materials und stoßen mit einem künstlichen „Stein“ eine Revolution des Bauens an. Ähnlich wie Stützenordnungen die Bauten antiker Griechen formen, sind Ziegel- und Bogenformate Modularität und Identität römischer Bauten. Ziegelbau ist bereits aus früheren Hochkulturen bekannt, Römer setzen ihn aber deutlich meisterhafter ein. Die gewöhnliche römische Mauerkonstruktion schichtet sich durch meist dreieckformatige Ziegel als fest verbaute Schalung und Gussbetonkern, was das Mauerwerk aus dem Tragwerk befreit. Außenschichten werden optional mit Marmor bestückt oder man experimentiert in außergewöhnlichen Mauerwerksmustern mit Größen, Richtungswechseln, Anordnungen und Unterteilungen, die man mit einem Suffix hinter der Bezeichnung „Opus“ unterscheidet. Im Weltkulturerbe Archäologischer Park Elea-Velia ist eine Vielzahl dieser Maurerwerkskunst erhalten. Gleichermaßen wie sie ein Straßennetzwerke schaffen, sind sie gemäß dem Leitsatz „Sanus per aquam“, übersetzt Gesundheit durch Wasser, auch einem Wasserversorgungsnetzwerk verbunden. In Aquädukten, mächtige Brückenbauten zur Wasserversorgung, werden Wassermassen in ständigem Gefälle bewegt. Über lange Distanzen eine vermessungstechnische Meisterleistung. Davon abgesehen schaffen sie einen Bausatz, der vertikal und kilometerweit horizontal reproduzierbar ist und unterschiedliche bauliche Herausforderungen überwindet. Zieht man Rundbögen lang spricht man von Tonnengewölben, die in Aquädukten aber auch in geometrisch simplen Baukörpern wie der Königshalle von Santa María del Naranco in Asturien Anwendung finden. Zuerst baut man Aquädukte arbeitsintensiv aus behauenen Granitquadern ohne Mörtel wie die Aqua Appia ca. 310 v. Chr., mit der Zeit ändert sich die Bauweise hin zum schnelleren Bausystem aus Mauerwerkschalung und Giessbetonkern, wie das Aqua-Virgo-Aquädukt ca. 20 v. Chr. Ungefähr im 1. Jahrhundert n. Chr. entfernt man Pfeiler weiter voneinander und baut des Öfteren flachere Segmentbögen, um größere Distanzen mit weniger Baumasse herzustellen. Der Pont du Gard aus ca. 50 n. Chr. zeigt diese Entwicklung. Bogenbauten setzen sie vielseitig ein, zum Beispiel auch in Stadionbauten wie der Circus Maximus, das Stadion des Domitian und das Kolosseum in Rom. Mindestens seit Zeiten römischer Bürgerkriege erkennt die Elite, dass das Volk mit Veranstaltungen ruhig gehalten werden kann. Zur Volksunterhaltung wurden riesige Aufwendungen angestellt und monumentale Bauwerke geschaffen.

„Was sind wir fortgeschritten! Die Römer saßen in der ersten Reihe und schauten zu, wie Leute sich umbrachten.“ – Peter Hohl
Veranstaltungen setzen friedliche Zeiten voraus und sind großer gesellschaftlicher Luxus. Die Massenveranstaltungen der Römer dienen hauptsächlich zur Unterhaltung und Machtdemonstration der Elite. Jedoch, anders als die Griechen, tun sie das auf Kosten anderer. Die Griechen widmen ihren Gottheiten zahlreiche Festlichkeiten, veranstalten Theater, Lesungen und messen sich mindestens alle 4 Jahre in sportlichen Disziplinen der Olympiaden. Der von Griechen als unkultiviert betitelter Kern der Römer zeigt sich in der Instrumentalisierung von Gewalt zur Belustigung des Volkes. Römer versammeln sich für Gladiatorenkämpfe bis zum Tod, Nachstellungen berühmter Schlachten, Jagdszenen von Tier gegen Tier oder Mensch gegen Tier, oder Hinrichtungen. Wieso man sich an derart blutrünstigen Spektakeln entzückte, hat, auch wenn fraglich, kulturelle Hintergründe. Ähnlich den nordischen Völkern galt für Römer der Tod im Kampf als ehrenvoll. Ihr militärischer Erfolg setzt eine kampfbereite Menschenmasse voraus, eventuell hat man sie so auch geformt. Die Veranstaltungen waren eine gute Gelegenheit, die Ansichten und Einstellungen des versammelten Volks zu steuern. Dass Barbaren und Christen zum Tode verurteilte Feinde waren, hat man durch theatralische Inszenierungen in die Köpfe der Menschen gebracht. Ebenso verfestigte der Kaiser unter Mithilfe des Volkes seine absolute Autorität und entschied über Leben und Tod. Auch wenn antike Griechen sich in Schlachten bekriegten, in ihrem Alltag nahm Brutalität nicht annähernd in gleichem Maße Teil. Sie huldigten Göttern opferfrei und verfolgten keine Religion systematisch. Eher kanalisierten sie ihre Fähigkeiten für gesunden Wettkampf individueller geistlicher wie körperlicher Exzellenz. Diese geistliche Reife teilen sie nicht mit antiken Römern.
Mit der Wüstenlandschaft Nordafrikas, der damals nicht überquerbaren Ozeane und den hart kämpferischen Völkern nördlich der Alpen war die Ausbreitung Roms in den Küstengebieten des Mittelmeerraums vollbracht. Ab dem 3. Jahrhundert und verstärkt ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. waren selbst römische Kaiser nicht mehr unbedingt in Rom wohnhaft, denn die nördlichen Grenzgebiete waren unsicher und die Möglichkeiten der östlichen Welt überwiegten. Mit der neuen strategischen Hauptstadt Konstantinopel verlor Rom an geopolitischer Bedeutung und galt nur als symbolisches Zentrum. Das römische Reich spaltete sich in einen aufblühenden Osten und einen untergehenden Westen, in den die Stämme nördlicher der Alpen im 5. Jahrhundert n. Chr. vordringen und es schlussendlich eroberten. Indem sich mehrere Stammesanführer zusammenschließen, bildeten sie Königreiche, dessen Herrscher die römische Kirche auf spirituelle Weise im Heiligen römischen Reich vereinte und beeinflusste. Ihre Herrscher mussten gemäß dezentraler Machstruktur Rücksicht auf ihre Kurfürsten und Fürsten nehmen und Vereinigungen zerfielen genauso wie sie sich zusammenschlossen.
Das römische Reich bietet ein umfangreiches Vermächtnis von Entwicklungen und prägt durch Ansätze in Rechtssystem, Technik, Kultur, Religion und Architektur viele Regionen bis heute. Einige ihrer Ideen sind zeitlos anwendbar oder auf heutige Zeiten skalierbar. Auch wenn kampffreudig und teilweise blutrünstig, durch die Herrschaft im Mittelmeerraum schufen sie eine wohlhabende Gesellschaft und bauten ein weit vernetztes Reich. Ob sie das, hitler-ähnlich primär zur Kriegsführung und sekundär für den Handel nutzten oder andersrum sei dahingestellt. Jedenfalls haben sie Erstaunliches vollbracht und Horaz trifft mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf. Die Griechen eroberten die Römer im Geiste, genauso wie geniale Entwicklungen der Römer uns eroberten.




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