Licht, Schatten und Spiritualität: Besinnlichkeit in Sakralarchitektur
- dS
- 17. Nov. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Juli 2025

In der Architekturgeschichte dienen sakrale Bauten als repräsentative Monumentalbauten zur Verbindung zwischen Himmel und Erde. Durch prachtvolle Glanzbauten wollte man überzeugend und erhaben auf andere wirken und sich die Gunst einer oder mehreren Gottheiten sichern. Die tiefsinnige Gedanken- und Handarbeit formt sakrale Bauten zu Zeichen von Wissen, Macht, Erhabenheit und Größe. Herrscher haben weder Aufwand noch Risiko gespart um eine Gottheit zu beeindrucken, denn sich auf Weltliches wie Ersparnisse zu konzentrieren hätte das sicherlich nicht erreicht. Deshalb bauten Menschen motiviert Sakralbauten und zeigen die architektonische Entwicklungsgeschichte durch Bauformen, Tragwerke, Bauelemente und Dekor.
Ein sakraler Raum zeugt von Ruhe, die durch eine harmonische Verbindung von Licht, Akustik und Raumgefühl eine andächtige und spirituelle Atmosphäre schaffen. Sollte das äußere Erscheinungsbild einen prachtvollen, großen Machtbau zeigen, muss das Gebäudeinnere eine besinnliche Atmosphäre ermöglichen. Eine schwere Aufgabe, die sich auf unterschiedliche Skalen bezieht. Beeindruckend groß und intim verbindend. Allermeist übertrumpft die große Skala den Innenraum und reduziert die Kraft der sinnlichen Verbindung. Zur Schaffung eines geistlichen Raumes treten Licht und Schatten je nach Bauepoche in verschiedenen Verhältnissen in die Hauptrolle und vermitteln unterschiedliches Raumgefühl. Ob geheimnisvoll dunkel und schutzgebend wie die Romanik, bunt lichtdurflutet und frei wie die Gotik, oder hell und rein wie der Klassizismus, jeder Baustil hat seine Herangehensweise und erzeugt unterschiedliche Raumcharakter. Besonders im Barock nutzt man diese Verhältnismäßigkeiten, um mit Lichtspiel dramatische und theatralische Effekte zu erzeugen. Der Raum wird, dem Malen gleich, zur Leinwand. Kontraste werden für Räume gezielt eingesetzt, um statischen Elementen Bewegung zu verleihen und das Auge zu leiten. Innenräume bekommen so je nach Tages- und Jahreszeit durch andere Lichteinfälle einen speziellen Charakter und wirken lebendiger. Die Romanik, häufiger Baustil frühchristlicher Bauten, hatte aufgrund damaliger Bautechnik ein sehr unausgeglichenes Verhältnis von Öffnungen und geschlossenen Flächen. Monumentale Bauten dieser Zeit werden mit Fokus auf Standhaftigkeit und Schutz, anders als antike griechische Bauten, äußerst massiv gebaut. Die Santa Maria Antiqua in Rom aus dem 5. Jahrhundert zeigt einen nahezu fensterloses Gebäude, dessen Innenraum in warmem Kerzenlicht entweder sehr besinnend oder seine Dunkelheit beängstigend gewirkt haben könnte. In dieser Grauzone versuchen Baumeister von Sakralbauten eine optimale Gewichtung zu realisieren. Dunkelheit ist eine eindrucksvolle Komponente, um Stille und Innere Einkehr zu fördern, ist sie jedoch zu dominant wirkt das Unbekannte bedrückend und angsteinflößend. Das Empfinden von hell oder dunkel ist eine Sensibilität, für die jeder eine unterschiedliche Toleranz zu haben scheint. Dunkelheit kann durch ein Gefühl von Geborgenheit und Intimität eine sinnhafte Reflexion einleiten oder Unsicherheit und Angst auslösen. In optimalem Maß stärkt sie in sakralen Räumen die spirituelle Verbundenheit, denn wenig Licht lenkt die Sinne nach innen, fördert Ruhe und regt die Vorstellungskraft an. Eine weiße Taube und die weiße Fahne bedeuten Frieden, Ärzte und Bräute kleiden sich in sauberem weiß, heute auch Päpste. Symbolisch zieht man sich durch Buße ein reines, weißes Gewand der Unschuld an. Daher gilt helles Licht auf der Suche nach Reinheit oft als göttliche Präsenz und Erleuchtung, heutzutage verbinden wir das starkes Weißlicht eher mit einer Arztpraxis. Für die damaligen Bauten konnten optimale Fenstergrößen, richtig angeordnet und mit sinnvollem Lichteinfall, als Zeichen göttlichen Segens oder Offenbarung interpretiert werden. Oft wurden Fenster daher am oberen Bereich des Mittelschiffs angeordnet, um diesen dramatischen Effekt zu verstärken und den Blick nach oben zu richten. Denn dadurch werden Sakralbauten, erste Basiliken ebenso wie Zentralkirchen, Kathedralen, Moscheen, Dome und byzantinische Kuppelbauten, als Brücke zwischen Himmel und Erde betitelt.
Gut aufeinander abgestimmte Größen von Fenstern und Raum können sogar ein wunderbar geheimnisvolles, fast mystisches Gefühl vermitteln. Es bedarf viel Feingefühl, um Licht als Werkzeug zu verstehen und optimal einzusetzen, ein ausbalanciertes Verhältnis von hell und dunkel zu erzeugen und sie sinnhaft zu verorten. Auch wenn man Fenster punktuell als Lichtakzente nutzte, scheint das äußere Erscheinungsbild meist doch das entscheidende Element zu ihrer Ordnung gewesen zu sein. Öffnungen sind meistens rational gleichmäßig in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild rhythmisiert, anstatt als sinnstiftende Maßnahme für den Innenraum. Experimentell hat Corbusier 1955 in der modernen Kapelle Notre-Dame-du-Haut von Ronchamps Fenster willkürlich als Lichtakzente positioniert. Dafür hat er jedoch unrespektvoll, ganz gemäß des Modernismus, komplett mit Bautraditionen von Kirchenbauten gebrochen. Oscar Niemayer schafft diesen Bruch in modernen Kirchenbauten wie zum Beispiel der Kirche Sao Francisco de Assis in 1943 deutlich respektvoller und gekonnter.
Das Pantheon in Rom aus 128 n. Chr. nutzt als einzige natürliche Beleuchtung einen Lichtstrahl, der durch eine zentral gelegene Öffnung der Kuppel in den kreisrunden Innenraum fällt. Ein einzigartiger Raum. In späteren Kuppel- oder Pendentifbauten fügen sich Fenster zu einem Lichtring zusammen und bilden ein interessantes Element der inderekten Raum- und Deckenbeleuchtung. Diese Lichtringe führen im Innenraum der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul aus 1616 n. Chr. zu einem luftig schwebenden, spannenden, fast schon meditativ wirkenden Raum. In der nebenliegenden Hagia Sophia aus dem Jahr 537 n. Chr. wirkt der Innenraum mit deutlich weniger Fensterfläche im Vergleich eher drückend. Zu Zeiten seiner Errichtung war er ein prunkvoller Machtbau und in ihm zu stehen ein vollkommen neues Erlebnis. Mit der Zeit werden massive Wandflächen immer häufiger und großflächiger durch Öffnungen abgelöst. Die Gotik reizt die Proportionen von geschlossen und geöffneten Flächen später durch filigranere und komplexere Tragwerke bis an die Grenzen aus. Die in der Byzanz häufig verwendeten Mosaikflächen werden in der Gotik zu großen Buntglasflächen, die ab nun erweckend wirken und Geschichten erzählen. In kreisrunden Rosettenfenstern entfachen sie sogar einen meditativem Mandala-Effekt.
Durch die Zeit finden vielerlei Innovationen und Änderungen in Sakralbauten statt. Licht- und Schattenverhältnisse, sind damals wie heute, wichtiger Bestandteil von Architektur. Die Meister der Vergangenheit sind dabei von kleinst- bis großmöglich gegangen und haben uns ihre Ergebnisse in Bauten hinterlassen. Während man sie heutzutage durch verschiedene Beleuchtungsmöglichkeiten flexibler und subjektiver gestalten kann, war es zu Zeiten rein natürlicher Raumbeleuchtung ein aufwendigerer Planungsaufwand und Anlass zu Experimenten. Besonders für sakrale Räume ist und bleibt das Verhältnis zwischen Licht und Dunkelheit ein spannendes Instrument zur Schaffung einer besinnlichen und einfühlsamen Atmosphäre.



Ein wirklich faszinierender und inspirierender Artikel! Die Betonung von Kreativität und Symbolismus hat mich sehr angesprochen. Es erinnert mich daran, wie mächtig Bilder sein können, um Geschichten zu erzählen und Ideen zu vermitteln. Ich habe kürzlich ein erstaunliches KI-Tool entdeckt, einen KI-Tarotkarten-Generator, mit dem man eigene, einzigartige Tarotkarten basierend auf Textbeschreibungen erstellen kann. Eine unglaubliche Verschmelzung von alter Symbolik und neuer Technologie.