NEOM: Das Riesenprojekt in trockener Wüste
- dS
- 28. Feb. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Neom ist ein in diesem Volumen noch nie da gewesenes Megaprojekt im Nordwesten Saudi-Arabiens, gesponsort durch die saudische Regierung und am 10. Januar 2021 vom saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman im Staatsfernsehen präsentiert. Es unterteilt sich in fünf Bestandteile: ein monumentaler Städtebau „THE LINE“, ein Ferien- und Wintersportzentrum in einer Bergregion „TROJENA“, ein Luxusresort mit Yachthafen „SINDALAH“, das größte auf Wasser gebaute Produktions-/ und Industriezentrum „OXAGON“ und ein Forschungszentrum „MAGNA“. Allesamt formen sie eine utopische Idee, die 9 Millionen Menschen beherbergen und versorgen soll. Der Bau hat bereits begonnen, läuft sich auf eine Investition von rund 500 Mrd. US-Dollar hinaus und soll 2045 fertiggestellt werden. Es ist Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen dem saudi-arabischen Staat, internationalen Architekten und Ingenieuren sowie führenden Technologie-Unternehmen, das als beispielhaft nachhaltiges Bauen eines futuristischen Konzepts vermarktet wird.
„Wir haben Geld, wir haben Land, wir haben Stabilität. 2030 werden wir die volle Kapazität der saudischen Infrastruktur erreichen.“ – Mohammed bin Salman, Kronprinz und Premierminister von Saudi-Arabien
Das Projekt entsteht in der abgeschotteten Neom-Region, eine trockene Wüstenregion in Nähe des Suezkanals, einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Ansässige Stämme der Huwaiti wurden für das Projekt zwangsumgesiedelt und es sollen menschenunwürdige Konditionen herrschen. Das spornt viele ohnehin schon bekennende Kritiker an, sich noch stärker zu äußern. Die Planung und Umsetzung wurde einer Reihe namhaften Architektur- und Ingenieurbüros wie Delugan Meissl Associated (DMAA) und Coop Himmelblau aus Österreich, Gensler aus den USA, Mott McDonald und Zaha Hadid Architects aus Großbritannien sowie UNStudio aus den Niederlanden anvertraut. Viele Köche arbeiten an einer Suppe. Was anderes lässt das Megaprojekt nicht zu. Laut der Süddeutschen Zeitung sollen Lord Norman Foster, Francine Jung und Rem Koolhaas aufgrund Menschenrechts- und Umweltbedenken ihre Mitarbeit beendet haben.
Die Stadt „THE LINE“ soll in einem Baukörper 170 km lang, 200 m breit und 500 m hoch werden. Schaut man im Schnitt auf den Baukörper sollen Infrastruktur, Büros, Gewerbe und Wohnraum in vertikalen Schichten kompakt auf beiden Seiten gestapelt werden, um Bewohnern einen Alltag in 5 Minuten Laufweg zu versprechen. Kraftfahrzeuge sind nicht erlaubt, stattdessen schafft man für längere Distanzen und Güterversorgung ein Hochgeschwindigkeitstransportsystem, das ohne Unterbrechungen Ende zu Ende in 20 Minuten erreichen soll (= 510 km/h). Die Stadt soll komplett emissionsfrei durch Solar- und Windkraft betrieben werden und vollständig mit künstlicher Intelligenz, die Betrieb und Dienstleistungen der Stadt optimieren soll, vernetzt sein. Alles höchst ambitionierte Ziele. Park- und Grünflächen ziehen sich horizontal entlang der gesamten Fläche der Stadt und sorgen für Freizeitaktivitäten sowie Luftqualität. Wachstum entlang einer Linie ist unorganisch, bisher entwickelten sich Städte normalerweise meist annähernd kreisförmig von innen nach außen. Das ist organischer Wachstum. Eine Linie scheint absurd, für ein städtisches Wachstum ausgerichtet nach Transportsystem aber logisch. Jetzt passen sich Menschen eben an das Transportsystem an, nicht umgekehrt. Hier wird die gesamte bauliche Realität vom saudi-arabischen Staat bereitgestellt, was sie gleichzeitig monopolisiert. Je nach Motivation des Staates, besonders in einer absoluten Monarchie, sind die Ausmaße stark personenabhängig. Zumindest als neue Stadt modernster Technik stehen theoretisch viele Möglichkeiten und Systeme bereit einen Überwachungsstaat zu ermöglichen. Man muss sehr vereinheitlichend denken, um solch eine Planung überhaupt konzipieren zu können. An falschen Stellen zu minimalistisch zu denken war bereits in der Vergangenheit der Stadtplanung bereits ein bemerkbarer Fehler. Beim Entwurf der neuen Hauptstadt Brasiliens 1950 hatten Niemayer und Costa in Brasilia ebenfalls die spannende Aufgabe, eine Stadt als Symbol für Fortschritt, Modernität und einer neuen Zukunft zu errichten. Während Niemayers Ikonen dem Stadtbild architektonische Qualität geben, unterteilte Costa mit einer funktionalen Trennung Gebiete. Das schuf verkehrstechnisch Effizienz, nutzengesteuert jedoch Monotonie und Leere. Eine komplexere Mischnutzung, entgegen einer klaren und reinen Funktionalität, hätte ein deutlich lebendigeres Viertel in Brasilia geschaffen. Die „Superquadra“ von Lucio Costa, ein Mischviertel mit infrastrukturrelevanten Bauten, wird in „THE LINE“ vertikal. Das gibt eine weitere Dimension und ist sicher sinnvoll, es jedoch zu monopolisieren ist eine andere Angelegenheit. Auch wie Bewohner sich außerhalb der Stadt bewegen, ist durch das Autoverbot unsicher.
Der große Quader wirkt in der unbebauten Region, wie französischer Gartenbau, eher als Ausdruck menschlicher Kontrolle über die Natur. Der Bau der Linienstadt bedeutet, dass man sie koste es, was es wolle, auch wenn Gegebenheiten technisch herausfordern oder Kosten steigern, erzwingen will. Ein unflexibler Bau, dem sich die Natur beugen muss. Der Dominanzgedanke drückt sich im mauerähnlichen Baukörper ebenfalls an den großflächig verspiegelten Außenflächen, entworfen von Morphosis Architects, aus. Die Spiegelung soll Harmonie mit der Umgebung, futuristische Technologie und Nachhaltigkeit symbolisieren. Wahrhaftig ist es genau das Gegenteil. Der Natur tut man damit keinen Gefallen. Man stellt zwei riesige Spiegel inmitten ein Wüstenklima. Die Umgebung wird sich stark aufheizen, Augen werden geblendet. Der Mauerbau in freier Wildnis gleicht Archimedes Idee des Brennspiegels aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., der Sonnenlicht bündelte und feindliche Kriegsschiffe in Brand setzte. Ihr statischer Charakter geht entgegen einer zeitgemäßen, sich der Umwelt anpassungsfähigen Fassade. Sie könnte zum Beispiel durch intelligent rotierende Elemente dynamisch wirken und durch einen Luftsogeffekt Wärme ableiten, anstatt sie zu bündeln und auf die Umgebung zurückzuschießen. Ebenso präsentieren auch die anderen Vorhaben bei bester Ambition völlige Absurditäten, die das Projekt sehr risikobehaftet machen. Aber eines muss man dem Kronprinzen lassen: Mutig und invest-freudig ist er.




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