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Möglichkeiten von Lehmbauten: Mit "Erde" für die Erde bauen

  • dS
  • 11. Juli 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Juli 2025

Lehm ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit und beweist in zahlreichen Bauten der Vergangenheit seine Verwendbarkeit und Beständigkeit. Während der Nachkriegszeit Deutschlands war der Betonwahn so weit vorangeschritten, dass man andere Baustoffe wie Lehm stark vernachlässigt hat. Nicht umsonst feiert er ein Comeback, in der modernen Architektur sowie in der Fachliteratur. Denn Lehm als Baustoff hat besondere Eigenschaften und großes Potential.



Als mineralisches Material kann er, bis zu einem gewissen Grad, tragende und klimabedingte Anforderungen erfüllen und in verschiedene Formen gebracht werden. Die tragfähigen Bautechniken sind Stampflehm, Wellerlehm oder Lehmsteine. Materialeigenschaften werden über Komponenten seiner Zusammensetzung gesteuert. Zum Bauen muss er frei von organischen Bestandteilen sein. Es ist also nicht so, als könne man grundsätzlich den Erdaushub der Baustelle verwenden, um direkt zu bauen. Dazu bedarf es einer Prüfung und gegebenfalls einer Aufbereitung. Das Grundmaterial Lehm besteht aus Anteilen von Sand, Schluff und Ton und wird durch Kies, Steine und Wasser manipuliert. Ton ist das wichtige Bindemittel. Dabei sind auf bauphysikalischer Ebene zwei Themen besonders zu beachten: Wärmespeicherkapazität und Festigkeit. Ersteres kann durch einen höheren Anteil von Sand oder vergrößerte Korndurchmesser von Steinen verbessert werden. Die Festigkeit erhält er durch Tonmineralien, die bei Zugabe von Wasser übereinander gleiten und aufquellen, was bindend wirkt. Auch nach Verdunsten. In massiver Bauweise ohne große Luftkontaktfläche wie bei Stampflehmwänden, erzeugt hohe thermische Masse. Die Porosität im Bauteilinneren nutzt er als Pufferflächen, um Wärme aus der Kontaktluft zu speichern. Beton kann das auch, bei hoher Rohdichte sogar besser. Er ist eben ein künstlicher Stein. Jedoch ist Beton in Punkto kapillarer Aktivität klarer Verlierer. Wieso ist das wichtig? Weil Beton wie ein Boxer in Aluminiumfolie schwitzt. Lehm regelt das gekonnter und gibt Schimmel nur wenig Chancen. Wenn an beiden Kontaktflächen ungehindert, reguliert er seinen Feuchtegehalt konstant und kann sehr gut mit Kondenswasser umgehen. Ist er vor langanhaltendem und starkem Feuchteeinfall geschützt, ist er äußerst beständig. Das ist in Bauten der Antike bemerkbar, von denen viele Jahrtausende lang gut erhalten blieben.


„Die heute als ältesten geltenden Lehmbauten stehen in Russland. Genauer gesagt in Turkestan. Archäologen schätzen die Entstehung auf etwa 6.000 bis 8.000 vor Christus. Das bedeutet, dass man vor etwa 8.000 bis 10.000 Jahren bereits wusste wie man Häuser stabil, aber dennoch umweltfreundlich baute.“ (Clixado, 2011)


In Tataouine, Tunesien steht der Ksar Ouled Sultane aus dem 15. Jahrhundert, ein Getreidespeicher aus Lehmziegeln und Tonnendach, sehr gut erhalten. in Turkestan, Russland sind es rechteckige Lehmsteinhäuser. Auch anderweitige Bauvorhaben, zum Beispiel Teile der chinesischen Mauer als Befestigungsanlage und die Sonnenpyramide in Teotihuacan, Mexiko als Gotteshaus wurden ebenfalls mit Lehm gebaut. Auch bei einer langen Baukultur und Erfahrung war er lange ein unnormierter Baustoff, doch das ändert sich. Mit der Kapelle der Versöhnung in Berlin hat man in 2000 für Lehmbauten ein Zeichen gesetzt. Der Stampflehm gibt dem Sakralbau ein wunderbares Raumgefühl. Besinnlich, massiv und ästhetisch. Kein anderer Werkstoff vermittelt das bei gleicher Formbarkeit. Doch sind Lehmbauten keine Wolkenkratzer. Denn während die Luftkammern in Lehmwänden zum Feuchte- und Wärmetausch sehr gut funktionieren, schwächen sie ihn als lastabtragenden Baustoff. Hier liegt die Zwickmühle, man muss ihn auf Klima oder Tragwerk auslegen. So hat man 2016 beim Bau des neuen Al Natura Zentrums in Darmstadt eine nicht tragende Außenwand mit einem Stahlbetontragwerk verankert, das die Dachstruktur trägt. Ebenfalls hat man das Bautempo beschleunigt, indem die Elemente vorgefertigt an die Baustelle transportiert und geschichtet wurden.


„Egal ob man mit Lehmsteinen baut oder die Wände als Stampflehmbau hochzieht, man braucht nur ein bis zwei Prozent der Energie, die zur Herstellung von gebrannten Ziegeln oder Stahlbeton benötigt wird.“ (Deffke, 2006)


Mittlerweile kennt man den Impakt der Menschheit auf die Erde recht gut. Große Pluspunkte des Lehmbaus sind, dass er in ungebrannter Form keinen energieintensiven Herstellungsprozess mit sich bringt und in fast allen Regionen der Welt verfügbar ist. Bauen bleibt weiterhin großflächig notwendig, Lehm hält dabei Transportwege klein und ermöglicht eine Bautradition umweltfreundlichen Bauens. Zwar muss er aufgrund seiner bedingten Wasserfestigkeit gegen Feuchteeinfall geschützt sein, kann aber im Baustoffzyklus wieder sehr einfach rückgeführt werden und wird nicht zu Sondermüll. In einer Zeit geprägt von weiterhin notwendigem Bauen, Aufholbedarf und Aufruf zum umweltfreundlichen Bauen bieten Lehmbaustoffe eine äußerst sinnvolle und gute Lösung hin zu einer zukunftsfähigen Baukultur - außerhalb sehr zu verdichtenden Flächen urbaner Zentren.

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