Die Renaissance: Vom Ideal der Antike zur architektonischen Wiedergeburt
- dS
- 7. Apr. 2020
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Aktualisiert: 11. Juli 2025

„Kunst ist nie fertig, nur sitzen gelassen.“ – Da Vinci
Im Jahr 1414 wird in einer kleinen Schweizer Bibliothek Vitruvs Werk der 10 Bücher der Architektur, „De architectura libri decem“ gefunden. Dieser Fund ist für Architekten von großer Bedeutung, der als Zusammenfassung griechischer und frührömischer Baukunst geistigen Ansporn gibt. An der Gotik störte sie das unmathematische „try-and-error“-Verfahren, das unter Glanzbauten auch eine Reihe gescheiterter Experimente zu verantworten hat. Durch extremes Streben nach baulicher Höhe, koste es was es wolle, und Architektur als selbstverliebter Protagonist waren Bautechniken wie der Kuppelbau teilweise in Vergessenheit geraten. Man findet zurück zum Studium der Naturwissenschaften, arbeitet wieder exakt und konzentriert sich auf das Wesentliche. Verstärkt rücken menschliche Proportionen, Symmetrie und Harmonie mit den altbekannten Bautechniken und Formensprachen in den Mittelpunkt und fangen durch Kunst, die das neue Weltbild darstellt, den Zeitgeist ein.
Ein ausgebautes Netz und neue Drucktechniken ermöglichten den Austausch von Informationen, Herstellungstechniken sowie Waren und förderte Zusammenarbeit mit weit entfernten Kulturen. Man lernte über sie und erfuhr ihre Erkenntnisse sowie Lebensweise, was das aktuelle Weltbild grundlegend veränderte. Man konnte sich eigenständig Wissen aneignen und akzeptierte Wahrheiten und Traditionen nicht mehr, ohne sie zu hinterfragen. Die Kirche interpretierte dies als Schwächung ihrer Machtposition und entgegnete diesem neuen Weltbild schockiert. Gleiches passierte in Bautraditionen. Standen Gebäude bisher protagonistisch stolz im Mittelpunkt, wandten sich Architekten von diesem Gedanken ab und lassen sie schlicht im Hintergrund wirken. Ausdrucksstark und still soll sie ein übergreifendes Verständnis für das Wesentliche verdeutlichen und flexibel Entfaltung von Raum und Fläche ermöglichen. Dekor ist größtenteils von anderen Beeinflussungen und Limitationen befreit, während das Gebäude versunken und still, dennoch mächtig und stilvoll im Hintergrund steht. Durch Realismus geprägte Skulpturen zeigen nicht nur gottesfürchtige Szenen der Bibel, sondern bilden Alltägliches in großer Detailtiefe ab. Donatellos David stehen nun übergroß und gottähnlich, unbedeckt und stolz, frei im Raum und Michelangelo wagt es sogar in seinem Fresko der sixtinischen Kapelle im Vatikan Gestalten der Bibel erotisch frei und nackt darzustellen. Architekten gehen im Sinne einer Wiedergeburt neue Wege und orientieren sich an der klassischen Architektur. Sie übernehmen ihre Grundsätze und verbinden sie mit dem technischen Fortschritt und der Handwerkskunst ihrer Zeit. Durch zurückstellen der Architektur schaffen Baumeister ein originelles, zeitgemäßes und ausdrucksstarkes System, dass die stille Kraft antiker Bauten gekonnt reinterpretiert.
Neue Maschinen stellen eine bedeutende Entwicklung, vor allem für die Baustelle. Erfindungen wie Leonardo da Vincis Hebe- und Rollmechanismen sowie Brunelleschis Krantechniken revolutionierten die Baustelle, ihre Prozesse und Bauabläufe. Dadurch zeichnet sich eine Spaltung von der Denkarbeit des Entwurfs ab und Bauen und Entwerfen werden erstmals voneinander getrennt. Architekten trennten sich erstmals von der Rolle des Bauhandwerkers und fertigten detaillierte Zeichnungen, Pläne und Modelle an, die von Handwerkern auf der Baustelle umgesetzt wurden. Durch die viel präzisere Zeichnungen als die Skizzen des Mittelalters konnte der Entwurf unabhängig von der physischen Baustelle entstehen. Der Beruf der Künstler sowie Architekten verfestigt sich und Filippo Brunelleschi (1377-1446), Andrea Palladio (1508-1580), Leon Batista Alberti (1404-1472) und Donato Bramante (1444-1514), um nur einige zu nennen, werden zu namhaften Architekten ihrer Zeit. Brunelleschis Santa Maria del Fiore in Florenz aus 1436, sticht mit einer eiförmigen Kuppelkonstruktion über die Dächer von Florenz und ordnet sparsam Rundfenster an ihrer schlichten, doch detaillierten Fassade. Ähnlich schafft Alberti in der Santa Maria Novella 1470 in Florenz Harmonie und Ordnung. Noch schlichter, angelehnt an römische Kasernenbauten, baut Alberti 1451den Palazzo Rucellai in Florenz und Michelozzo di Bartolomeus den Palazzo Medici Riccardi 1484. Palladio, damaliger Villenbauer, bringt die klassische Symmetrie und strenge Schlichtheit sowohl im Grundriss als auch im Erscheinungsbild der Villa Rotonda 1570 in Vicenza ein. Weitaus eleganter entwirft Bramante einen Rundtempel, den Tempietto di San Pietro in Montorio aus 1502 in Rom und bezieht sich damit auf die Bauweise anderer antiker Rundtempel wie dem Tempel des Tholos, des Hercules Victor aus Rom und dem Vestatempel auf dem Forum Romanum. Er verjüngt sein Werk nach oben gekonnt und setzt seinem Werk eine Kuppel und Ballustrade auf.
Das Vermächtnis der Renaissance ist von großer Bedeutung. So groß, dass es nicht in der Vergangenheit geblieben ist, sondern auch heute noch im Wissensdurst und Innovationsdrang forschender Menschen existiert. Das macht ihr Gedankengut zeitlos. Es ist weniger ein konkretes Entwurfsprinzip, sondern eher Ideologie, die uns anregt, mehr zu wissen und weiterzugehen als unsere Vorfahren. Sie verrät, zu welchen bahnbrechenden Fortschritten disziplinübergreifendes, freies, und wissenschaftliches Denken führen kann und ruft dazu auf.




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