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Der erste Architekturtheoretiker und seine zeitlosen Prinzipien

  • dS
  • 7. Juni 2019
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Aug. 2025

“Beauty is produced by the pleasing appearance and good taste of the whole.” - Vitruvius

Allzu viel ist nicht bekannt über ihn, nichtsdestotrotz ist sein Beitrag zur Architektur enorm. Als römischer Bürger geboren im ersten Jahrhundert vor Christus genoss er eine Ausbildung zum Baumeister und stellte während seines Heeresdiensts unter Julius Gaius Caesar und Octavian Augustus wichtige Beobachtungen an, die er in seinem Werk „Zehn Bücher über Architektur“ (De re architectura libri decem) niederschreibt. Er verbindet praktische und theoretische Aspekte des Bauens, beschreibt Prinzipien der Architektur und verfestigt seine Bedeutung als Architekturtheoretiker. Sein Werk umfasst wie sich Proportionen des menschlichen Körpers und der Natur in Bauteilen widerspiegeln und veröffentlicht eine Beschreibung, Kategorisierung und bauliche Anleitung von Bauelementen, sowie ideologische Ansätze des Berufsfeldes von Baumeistern. Etwas noch nie zuvor Dagewesenes oder zumindest Übertragenes.


Firmitas, Utilitas, Venustas


Als Baumeister seiner Zeit war der Bau innovativer Kriegsmaschinen, Brücken- und Straßenbau sowie erste Hochbauten zum Wohnen im städtischen Umfeld stark gefragt. Die römische Beton- und Ziegelbautechnik war in Gange und ermöglichte schnelles Bauen. Vitruvius veröffentlicht die berühmt gewordene Triade „Firmitas“ (Festigkeit), „Utilitas“ (Nützlichkeit) und „Venustas“ (Schönheit) als Grundprinzipien eines guten Entwurfs, die in gleicher Wertigkeit Anwendung finden sollten. Es gilt als sein Manifest und zeitloses Gedankengut. In seinen 10 Büchern führt er die Leser durch Anekdoten und Beispiele zu seinen Überlegungen.


​Zuerst beschreibt er die Motivation und Ausbildung eines Architekten und weist daraufhin, dass Architekten Praxis und Kultur gleichermaßen erlernen sollen. Er beschreibt das breite Spektrum an Disziplinen, in denen ein Architekt geschult sein sollte: Schriftkunde, Zeichnen, Geometrie, Arithmetik, Geschichte, Philosophie, Musik, Medizin, Jura und Astronomie. Als Erklärung der wichtigen Ausbildung übergreifender Themenschwerpunkte schreibt er eine Anekdote „die Geschichte der Frauen von Karya“ und rückt in den Mittelpunkt, dass Gebäude sinnvoll an Geschichte und Vergangenheit erinnern können. Nach der Eroberung des griechischen Staates Karya durch die Perser wurden ihre Frauen versklavt und in Brautkleidern gedemütigt. Später stellt Mnesikles sie im Tempelbau von Erechtheion in Athen als Stützen in Frauenform in Brautkleidern dar und betont symbolisch, wie sie eine schwere Last tragen. Er erkennt, dass Gebäude mehr sein können als ihr Bauvorhaben vorgibt, und motiviert zu tiefer Gedankenarbeit. Um Themenschnittstellen zu erkennen und Chancen zu ergreifen sollten Architekten ihr Allgemeinwissen schulen. In Buch 2 wird mit der Theorie der „Urhütte“ der Ursprung und Grundgedanke der Architektur als Raumschaffung für Versammlungsorte erinnert und ein Bauteilkatalog fachlich aufgeführt. Weiter führt er mit der Anekdote zwischen Alexander dem Großen und Dinokrates auf, dass außerordentliche Architektur immer Produkt sinnvoller Zusammenarbeit sei. Der Baumeister verspricht zur Planung Alexandrias prächtige Machtbauten und kann unvorbereitet Alexanders pragmatischen Fragen zur Erwirtschaftung und Güterproduktion nicht zufriedenstellend beantworten. Indem ein Konzept verschiedenen Blickwinkeln gerecht wird, ist der Projekterfolg sicherer. Sein Punkt ist, dass Mitglieder bescheiden und sich ihren Grenzen bewusst in Austausch treten und Input Anderer akzeptieren. Sinnvoller Dialog führt zu Mehrwert. Im nächsten Buch führt er Studien zu Symmetrie und Proportion an den Maßeinheiten Fuß, Elle, Hand und Daumen auf. Seine Studien der verborgenen Verhältnisse im menschlichen Körper werden später, im Jahre 1490 n. Chr., durch Da Vincis Zeichnung des vitruvischen Mannes verdeutlicht. Er behandelt auch perfekte Zahlen, zum Beispiel 6 als Addition von 1+2+3 und der Multiplikation 1*2*3 ein. Als seltenes Phänomen der Mathematik gilt das daher als perfekt. Er analysiert die Uhrherstellung, militärische Maschinen und Wassernetzbauten. Beispielbauten seiner Expertise wie Tempel- Residenz- und Städtebau nimmt er stärker unter die Lupe und kategorisiert sie, was ihn in Buch 4 zu einer tieferen Analyse von Stützen und deren Eigenschaften führt. Um ihre Verhältnismäßigkeiten, Geometrie und Detaillierungen zu untersuchen, beschreibt er sie ausführlich und weist ihnen menschliche Formen ionisch (männlich), dorisch (weiblich) und korinthisch (Jungfrau) zu. Alle drei Stützenstile wurden in damaligen Bauten genutzt, nach Veröffentlichung der 10 Bücher wurde die korinthische Stütze jedoch zur Pflicht aller öffentlichen Gebäude. Sie verbirgt die statischen Elemente der Stütze und wirkt am grazilsten. Die Erfindung des ausgeschmückten korinthischen Kapitells schreibt er dem Maler und Bildhauer Kalimachos zu, der dekorative Pflanzenformen in Steine meißelt und die Stützen gekonnt abschließt. Später erfindet man ein Kapitell, um die symbolische Herrschaft der Römer über die griechische Welt mit einer neuen Ordnung zu repräsentieren: die Komposita. Sie versucht alle drei Typologien ineinander zu vereinen und soll daher erhabener sein, kommt jedoch in den massiven römischen Bauten weniger zur Geltung als in antiken griechischen Bauten.


Vitruvius Beitrag zur Architektur ist enorm, vor allem, weil nicht viele Schriften aus oder vor seiner Zeit existieren, obwohl er sich auf vergangene Autoren bezieht. Sein Werk war großflächig verschollen, bis es im frühen 15. Jahrhundert in einer Schweizer Bibliothek gefunden und kopiert wird. Leider umfasst es keine Skizzen oder Repräsentationen, was viele inspiriert, allen voran Palladio und Da Vinci, die Schriften mit entsprechenden Zeichnungen zu vervollständigen.​ Für Architekten der Renaissance gilt der Fund der vitruvischen Schriften als neue Inspiration und Wissensschatz, die sie nun tiefgründig interpretieren und neu auslegen. Die wiedergefundenen Grundprinzipien griechisch-antiker Architektur in Kombination vorangeschrittener Bautechniken und Baustoffen werden zum ausschlaggebenden Nordpfeil von Neubauten und stoßen eine bauliche Revolution an.



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