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Die Gotik: Das Geheimnis der Spitzbögen

  • dS
  • 9. Feb. 2022
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Juli 2025


„Architektur ist eine Brücke zwischen Erde und Luft.“ – Renzo Piano


Im mittelalterlichen Frankreich stößt der Kathedralbau zu einer neuen Blütezeit und einem Wettstreit an Höhe an. Die Gotik schein perfekt auf das Zitat des italienischen Architekten Piano zu passen, die Architektur als Brücke umschreibt. Die Vorgänger byzantinischer und frühchristlicher Architektur geben Gedankenanstöße neu zu denken. Ebenso die Jahrtausendwende, der eigentlich ein Weltuntergang zugeschrieben wurde. Entweder baute man hoch um sich stolz dem Himmel nah zu zeigen, oder um sich durch Außergewöhnliches Gottes Gnade zu erhoffen.


Die Gotik möchte göttlicher wirken als ihre Vorgängerbauten und entwickelt durch neuartige Steinmetz- und Glasfertigungstechniken sowie einem neuen Tragwerksystem ausdrucksstarke, majestätische Bauwerke im Sakralbau. Auch der gesellschaftliche Wandel spielt eine ausschlaggebende Rolle, denn die reiche Adelsschicht agiert nun als Bauherr und finanziert den Kirchenbau mit. Es wird nicht mehr nur kirchliches Gedankengut umgesetzt, auch die bauherrenseitigen Wunschvorstellungen und ihre Verewigung wird ausschlaggebend. Der Konsens zwischen Kirche und Adel, oder manchmal sogar ohne Anteilnahme der Kirche sorgt für eine rasche Ausbreitung kühner und mutiger Bauvorhaben im europäischen Raum des damals weströmischen Reichs. Während die Romanik wuchtig, majestätisch und schlicht baute, konzentriert sich die Gotik auf graziles, verziertes Bauen und gelangt dabei Wort wörtlich zu neuen Höhen.


Ein Überbietungswettstreit sakraler Monumentalbauten entfacht. Um bauliche Höhe zu erlangen, wurde das Tragwerk durch Konstruktionstechniken und Steinmetzarbeiten deutlich schlanker ausgeführt. Sie lösen sich von den Halbkreisen der Rundbögen und Tonnengewölben, die zur Errichtung festgelegte Breiten- und Höhenverhältnisse erfordern und gelangen an Flexibilität im Tragwerk. In dem sie die Kreuzgratgewölbe byzantinischer Sakralbauten mit Rippen und Abschlussstein versehen, unterteilen sie die Lastableitung in ein Vielfaches und erschaffen durch Spitzbögen die Kreuzrippengewölbe. Die umgedrehte kettenlinienartige Form der Spitzbögen wird einem normannischen oder arabischen Einfluss zugeschrieben. Tragwerkstechnisch benötigten die schmalen Rippen der Kreuzrippengewölbe für die stärkeren Querschübe eine Lösung. Erweitert man das Tragwerk durch seitlich verbundene Strebepfeiler, werden die Horizontalkräfte an Knotenpunkten weitergegeben und abgeleitet. Eine Lösung, durch die der Hauptkörper seine Schlankheit behält und ein weiteres, zu verzierendes Element im Außenbereich schafft. Die ausgezeichneten Steinmetzarbeiten lassen sich in gotischen Bauten überall wiederfinden. Eine Vielzahl von tier- und monsterförmigen Wasserspeiern zeugt von ihrer Handwerkskunst und geben der Fassade Ausdruck. Eine monster- oder dämonenartige Darstellung, in Zeiten rein religiöser Verkörperung von Sakralbauten schwer denkbar, rechtfertigt man mit der Wirkung böse Geister fernzuhalten. Die Fähigkeiten der Stein- und Glasfertigung zeigt sich auch in der Fensterrose, meist zentral über dem Eingangsportal angeordnet. Von außen wirken sie mächtig, von innen prächtig. Sie werden im Laufe der Zeit immer einfallsreicher, komplexer und häufiger eingesetzt.


Allgemein verhelfen größere Fensterflächen Gebäuden zur Ausdrucksstärke. Sie werden mit neuen Erkenntnissen der Glasfertigung zu regelrechten Gemälden und faszinieren mit einem Lichtspiel bunter Glaskunst. Nicht nur biblische Geschichten findet man jetzt wieder, sondern auch Huldigungen an Geldgeber ihres Baus. Die Farben und Detailtiefe lassen ihre Bauten einfallsreicher und unbeschwerter wirken als die ihrer Vorgänger der Romanik und sie brechen Traditionen bisheriger Sakralbauten, die als düstere und schwere Bauten ein geheimnisvolles Raumgefühl vermitteln. Jetzt scheinen lichtdurchflutete Räume die Tore des Himmels aufzubrechen und ihn ins Gebäudeinnere zu leiten. Mit ihren Bauten eine göttliche Perfektion auf Erden widerzuspiegeln, bewältigen sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln gekonnt. Sie ist in Stein gewordene Philosophie geworden. In ihrer Volumetrie orientieren sie sich am lateinischen, länger gezogenen Kreuz mit hohen Mittel- und niedrigeren Seitenschiffen. An dem einen Ende steht ein Vorbau als Eingangsbereich, dem Narthex, meist seitlich mit Türmen versehen. An dem anderen Ende steht eine meist gerundete Apsis, dem Chorumgang.

Die gotische Baukunst zeugt von einer majestätischen Kraft und heraufwachsenden Leichtigkeit, die die Stein- und Glaswerkskunst maßgebend weiterentwickelte. Äußerst schmale Tragwerke, bunte Glasflächen und eine Fülle außerordentlicher Verzierungen setzen sie stilvoll von der Romanik ab. Den sakralen Raum haben sie maßgebend mit Leichtigkeit und Wohlbefinden verändert und Natursteinen, Baumaterial der Romanik, neues Leben eingehaucht. Sie wird damit zur wegweisenden Stilepoche des Hochbaus.



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