Wie die Griechen ihre Eroberer eroberten
- dS
- 16. Jan. 2024
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Aktualisiert: 11. Juli 2025
Die griechische Antike von ca. 800 – 30 v. Chr. gewinnt mit einer Reihe wichtiger Schriften und Überlieferungen von Erkenntnissen der Vorgeschichte an Bedeutung. Sie gilt als Blütezeit der Entfaltung, in der Themengebiete forschend analysiert und definiert werden, um sich sachlich durch Schlussfolgerungen ihrem wesentlichen Kern zu nähern. Für Bauten werden in diesem Sinne Regelwerke erarbeitet, die analytisch ihre Elemente, wie Giebel, Fries, Gebälk, Architrav, Stützen und Kapitell unterteilen und ihnen Form, Funktion und weitere Eigenschaften wie Verhältnismäßigkeiten zuteilen. Dadurch erschaffen sie eine reproduzierbare Bauweise und verhelfen ihren Bauten zur nationalen Identität.
„Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ - Protagoras
Die Bauelemente sind in dorisch, ionisch und korinthisch geordnet und ihre Proportionen an der menschlichen Form orientiert. Dorisch ist die vereinfachteste, massivste und unbeschmückteste erste Ordnung und wird einem männlichen Erscheinungsbild zugeteilt. Sie wirkt ernst, kräftig und funktional. Ionisch ist im Kapitell durch Vouten schmuckfreudiger, ihr Schaft schlanker und graziler und erhält als zweite Ordnung eine Zuordnung zum weiblichen Körper. Anders als ihr Vorgänger hat sie eine Basis und wirkt ausgefallener und weitaus verzierter. Korinthisch ist die dritte und jüngste Ordnung, die mit Akanthusblättern an länger gezogenen Kapitellen einen verspielteren Charakter, ähnlich einem Kind oder einer Jungfrau, geben. Darüber, sowie den verschiedenen Tempelbauten, schreibt der römische Baumeister Vitruvius in seinem nach der griechischen Antike veröffentlichten Werk. Die Bauten der antiken Griechen verkörpern statische Funktionalität und setzen an wichtigen Stellen gekonnt gestalterische Akzente. Gebäude erhalten ein puristisches, geordnetes und harmonisches Erscheinungsbild, wie der Tempel des Hephaistos, das wahrscheinlich besterhaltene Gebäude dieser Zeit. Ihre Architektur drückt durch eine symmetrische und allseitig gleiche Fassade eine edle Stille, Transparenz und kraftvolle Größe aus. Die hauptsächlich öffentlichen Gebäude können von allen Seiten betreten werden und fügen sich gekonnt in die Landschaft ein. Die damals wahrscheinlich bunten Bauten hatten nicht das monochrome Erscheinungsbild, das wir heute sehen.
„Die Architektur einer Stadt ist das Spiegelbild der Seele ihrer Bürger.“ - Günter Seipp
Das Grundbedürfnis großer Bauten war das Zusammenkommen in einem städtlichen Kern. Man unterteilte Städte in Akropolis, ein höher gelegener Platz als religiöses und kulturelles Zentrum, ursprünglich als Schutzbau angelegt und die Agora, zentraler Markt- und Handelsplatz, der auch für öffentliche Versammlungen, politische Reden und Gerichtsverfahren genutzt wurde.Städte der griechischen Antike gaben dem Versammlungsbedürfnis ihrer Einwohner mit der Agora einen festen Platz. Anfangs als rein offener Marktplatz gedacht, entwickelt sie sich mit Bauten politischer und religiöser Natur zum Zentrum des städtischen Lebens. Durch Stadtwachstum weitert sie sich mit Regierungsbauten zum Verwaltungszentrum aus. Repräsentative Bauten der antiken Griechen wurden meist als Säulenhalle, oder Stoa, gebaut. Geometrisch reduziert auf eine rechteckige Grundfläche, die dem Säulenraster unterliegt, variieren Säulenreihen und geben durch verschiedene Abstandsflächen oder Anordnung neue Grundrisse. Der Trilith, ein Bauelement aus Stützen und Querbalken, ist bereits aus anderen, weit entfernten und älteren Bauten wie Stonehenge bekannt. Er besteht aus zwei Tragsteinen, einem aufliegenden dritten Deckstein als Querbalken und einem dadurch erzeugten Durchgang. Dieses System entwickeln die antiken Griechen für ihre Bauten weiter. Die Bauelemente des Trilithen werden rhythmetisiert, modularisiert und erhalten Gesetzmäßigkeiten, die harmonische Fassaden und ihre Stileigenheiten regulieren. Die Proportionen orientieren sich an der menschlichen Form und werden zum gemeinsamen Nenner öffentlicher Bauten. Müssen Gebäude erhöhten Platzanforderungen gerecht werden, wurden sie in ihrer Länge angepasst.
„Es gibt eine totale Korrespondenz zwischen Material und Konstruktionsverfahren im griechischen Tempel.“ – Aguste Choisy
Choisy beschreibt eine Hauptaufgabe der Architektur, was die Baumeister der Antiken Grieche, zum Beispiel Iktinos und Kallikrates, in Ihrem Bau des Parthenons in der Akropolis Athens meisterhaft zu lösen scheinen. Die antiken Griechen schaffen eine reproduzierbare Bauweise, die durch Modularität Systeme stilgerichteter Formensprache antreibt. Die Orientierung am menschlichen Körper, darauf aufbauende, geordnete Baustile, Stützenraster sowie die Modularität von Bauelementen sind zeitlos ein wertvoller Ansatz sinnvoller Architektur. Ihre Eroberer, die Römer, erkennen ihre Bautechniken an und integrieren sie. Natürlich werden die Bauten antiker Griechen nicht den gleichen Anforderungen moderner Gebäude gerecht, die Fassadengestaltung sowie Tragwerke sind in ihrer Komplexität seitdem weit vorangeschritten. Komplexität ist nicht unbedingt Fortschritt und somit greift man sogar Jahrhunderte später immer wieder auf ihre ausgeklügelten Ansätze der Architektur zurück, sie zeugen von zeitloser Schönheit und Harmonie.



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