Bauingenieure, Wissensträger der Bauweise des 19. Jahrhunderts
- dS
- 7. Juli 2021
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Aktualisiert: 11. Juli 2025
Die Industrialisierung ermöglichte den Übergang von agrarisch geprägten Wirtschaftsformen hin zu einer industriellen, gütergesteuerten Konsumwirtschaft. Sie begann Im 18. Jahrhundert in Großbritannien, breitete sich in Europa mit einem fundamentalen Wandel in Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Kultur stark aus. Innovationen der Textilindustrie, Transportwesen, Metallverarbeitung, Landwirtschaft und Kommunikation optimierten Fertigungs- und Distributionsprozesse. Handwerkliche Betriebe standen der Massenfertigung machtlos gegenüber und wurden regelrecht ausgerottet. Die Senkung von Produktionskosten kam Fabrikeigentümern, die im kapitalistischen System gesellschaftlich aufstiegen, zu Gute. Sie warben aktiv für neue Perspektiven und sorgten für einen hohen Bevölkerungswandel vom ländlichen ins städtische. Der Fokus auf Profitmaximierung, den Karl Marx später kritisiert, entwickelte sich zur Gier und zog Ausbeutung, starke Umweltverschmutzung und extrem schlechte Wohnverhältnisse mit sich. Die Gartenstadtbewegung in Großbritannien oder das City Beautiful Movement in den USA versuchte dem Wohnungsbau für Arbeiter, der sich auf eine bauzeit- und kostengünstige Herstellung von Wohnfläche beschränkt, mit besserer Lebensqualität entgegenzuwirken.
Architekten dieser Zeit entgegnen Stahl als Baustoff eher vorsichtig und skeptisch und hielten weiterhin ihren Fokus auf Ästhetik im traditionellen Bauen. Man spricht gegen Ende des 18. Jhdt. von Klassizismus, oder im englisch sprachigen Raum „Greek Revival“, der die Werte antiker griechischer Bauten wieder aufgreift. Angeschoben durch Inigo Jones, der Andrea Palladios Ideen aufgreift, wird Klassizismus zum vorherrschenden Baustil öffentlicher Bauten in hauptsächlich Frankreich, Deutschland und Russland. Durch seine Hauptakteure Jacques-Germain Soufflot, Karl Friedrich Schinkel, Étienne-Louis Boullée und Jean-Nicolas-Louis Durand gewinnt er an Ansehen. In Amerika bleibt er bis ca. 1930 weitaus länger als in Europa bestehen. Die klare Ordnung von Modularität, harmonische Symmetrie und machtvolle Ästhetik findet verstärkt zurück und geht mit einem technisch immer komplexer werdenden Gebäudeinneren einher, wodurch Fassade und Grundriss sich gezwungenermaßen stärker voneinander trennen und Innenräume verstärkt funktional rechteckig werden. Anders als bei Vorgängern, kann man von der Fassade nun schwer Rückschlüsse auf den Grundriss ziehen und man orientiert sich bei der Grundrissgestaltung entgegen der symmetrischen Anordnung experimentierfreudiger Raumformen barocker Grundrisse. Man bezieht sich stattdessen auch hier auf konstruktiv vereinfachtes, schnelles Bauen. Nicolo Pacassi gibt dem Bau des alten Burgtheaters in Wien 1769 auch bei gekurvter Fassade die klassischen Ansätze altgriechischer Bauten.
Besonders in Zeiten labiler Landesgrenzen im europäischen Raum bedient man sich der Architektur als Machtinstrument, das Herrschaft vermitteln soll. Man baut Triumphbögen, Stadttore, Verwaltungs- und Regierungsgebäude, Museen und Nationalgalerien. Tempelfronten, Säulenreihen und meist giebelloser Portikus sind architektonischen Merkmale dieser Zeit. Mehrere Triumphbögen, die außer der Feier militärischer Siege oder Glorifizierung von Herrschern keine andere Funktion haben, zeugen von dieser Absicht. Außerhalb des Zeitalters der römischen militärischen Erfolge bis zum 4. Jahrhundert nach Christus, werden im europäischen Raum zwischen dem 17. bis 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Triumphbögen zur Stärkung nationaler Identitäten errichtet.Ausschlaggebende Faktoren zur Spaltung von Architekten und Bauingenieuren war die Nachfrage neuartiger Infrastruktur sowie die verbesserte Eisenproduktion, die Stahl hervorbrachte. Ein spannendes, gut zu verarbeitendes Material, das neue Formensprache ermöglichte. Mit Legierungen konnte man seine Eigenschaften zwecksbedingt weiter erhöhen, zum Beispiel in Temperatur- Chemikalien- oder Verschleißbeständigkeit oder Festigkeit. Der Mix aus zug- und druckfestem Grundmaterial und charaktergebende Legierung ergaben ein äußerst anpassungsfähiges System. Im Ausbau der Infrastruktur entstehen mit Eisenbahnschienen, Brücken und Kanälen immer komplexere Bauten, in denen gestalterische Aspekte hintenangestellt werden. Bauingenieure etablieren sich als spezialisierte Fachleute in technischen Bereichen des Bauens.

Auch als Antwort auf vorhergehenden Baustile Rokoko und Barock, beide dekorativ überladen, ist der nun modulfähige Stahl zur Fertigung minimalistischerer Ansätze ausgezeichnet. Die Bauingenieure labten sich an der riesigen Nachfrage infrastrukturrelevanter Bauten und werden zu Werksverfassern von Mühlen, Bahnhöfen und Fabriken. Ähnlich der filigranen Steinmetzarbeiten der Gotik gibt Stahl durch skelettartige Tragwerke Raum für weitere Absichten wie zum Beispiel stärkere Lichtdurchflutung. Der in 9 Monaten für die erste Weltausstellung für Innovation errichtete Kristallpalast in London von Joseph Paxton und Charles Fox in 1851 wurde abschließend abgebaut, transportiert und weiter im Süden Londons wieder aufgebaut. Das machte ihn zum damaligen Paradebeispiel für die Möglichkeiten der industriellen Produktion sowie moderner Ingenieurskunst und stand für eine neue Ära. In gleichem Baujahr entwickelte der Ingenieur Isambard Kingdom Brunel für die Paddington Station in London extrem große Spannweiten mit bis zu 30 Metern und eine luftig wirkende Dachkonstruktion aus Glas und Eisen. Mit Gustav Eiffels Eiffelturm von 1889 entsteht das erste Wahrzeichen reiner Tragwerkskunst, die durch die Witterungsstärke des Schmiedeeisens ermöglicht wird. So sehr er bewundernd und übergroß wirkt, war es ein stark budgetüberschreitendes Projekt ohne ähnliche Referenzen seiner Zeit. Sicherheitsbedenken zur Erdbebens- und Windstandhaftigkeit und die die Vereinbarung, ihn in 20 Jahren nach Fertigstellung zu demontieren sorgte für Verunsicherung als dauerhafter Bauwerk. Er zeigt nackt und stolz Eleganz mitten in Paris und stellt den technischen Fortschritt der Stahlproduktion und innovatives Bauen dar. Gleichzeitig betont er auch den Alleingang der Bauingenieure, die sich klar von Architekten abspalten.
Im Zeitalter schnell wachsender Gebiete und unterschiedlicher Bauvorhaben bekommen Machtbauten und Infrastruktur verschiedene Charakter. Machtbauten orientieren sich an einer Rückbesinnung altgriechischer Bauten, während Infrastrukturbauten sich einem neuen Baustoff widmen. In diesem Zwiespalt wachsen Tragwerk und Architektur so weit auseinander, dass sich ein neues Berufsfeld formt. Fachspezialisten des Stahls führen Tragwerke bis zum neuen skelettartigen Baukörper und treten nun verstärkt ins Bühnenlicht.



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