Bauen als menschliches Bedürfnis: die Geburtsstunde der Architektur
- dS
- 10. Nov. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Juli 2025
„Die Architektur ist die Fortsetzung der Natur in ihrer konstruktiven Tätigkeit.“ – Karl Friedrich Schinkel
Sie spielt in der Menschheitsgeschichte eine wesentliche Rolle und gehört zu den ältesten Kulturdisziplinen der Welt. Das Interesse sich zu versammeln, setzt ein Grundbedürfnis von Schutz voraus, woraus die ersten, Strukturen von Menschenhand entstanden. Sie hat zu einer signifikativen Steigerung der Überlebenschance beigetragen und sich damit zur Notwendigkeit gebildet.

Das Bedürfnis, das wohl den ersten Menschen davon überzeugt, sich von der überlebenswichtigen und notwendigen Jagd auch noch um ein weiteres Gut für sich und seine Anhänger zu kümmern ist der Anspruch nach Schutz. Besonders nachts ist er, ohne einen sicheren Rückzugsort, Gefahren wie Nachtjägern, der Natur oder anderen Menschen ausgeliefert und sein Überleben in Gefahr. Ohne Werkzeuge oder Baukenntnis nimmt er, was ihm die Natur anbietet, und macht Höhlen zu seinem Lebensraum. Entweder aus Notwendigkeit oder durch Fortschritt seiner Möglichkeiten gibt er die Sicherheit der Höhle auf und errichtet erste Bauten, die entweder leicht reproduzierbar oder tragbar sein müssen. Durch beides ist er weniger an sich ändernde Wetterbedingungen oder Lebensmittelvorkommen gebunden und verbessert seine Anpassungsfähigkeit. Auch wenn er leichter angreifbar als im Schutz einer Höhle ist, gibt ihm seine Fähigkeit zu bauen zumindest temporär genug Schutz, anstatt sofort Ausschau nach einer anderen Höhle zu halten. Der Auszug ist von Vorteil und ein Zusammenschluss in Gruppen bringt Augen und Hände zusammen. Auch dies ist eine überlebenswichtige Entwicklung. Inmitten mehrerer Menschen zu leben, stellte das neue Bedürfnis einer Privatsphäre, einen Rückzugsort. Dies richtet sich vorerst an Schlafen, Sex und private Absprachen. Materielle Belangen, so auch Bauten, zeigen Reichtum und Status. Allgemein versammelt man sich beim Mann mit größtem Heim. Allein für diese Anerkennung und Stellung lohnt es sich zu arbeiten.
„Wäre die Natur behaglich, hätten die Menschen die Architektur nicht erfunden.“ – Oscar Wild
Die Aussage Wilds geht auf den Aspekt des Wetterschutzes ein, was sicherlich mit den ersten Gedanken zum Bau rechtfertigte. Jedoch ignoriert er die Schaffenslust des Menschen und das Streben nach Identität und Status. Nicht nur das Schutzbedürfnis vor Wind und Regen, andere Menschen und Nachtjägern hat zum Bau bewegt. Weil wir nicht allzu weit in die Menschheitsgeschichte zurückblicken können, bedarf es auf der Suche nach dem Bedürfnis zu bauen etwas Vorstellungskraft. Zusammen mit Schriften und archäologischen Funden erzählen Bauwerke, als Überbleibsel antiker Hochkulturen, die Menschheitsgeschichte.
Es stand für Naturvölker außer Frage Natur zu privatisieren. Sie war oft heilig und es stand niemandem zu, sie als Eigentum zu beanspruchen. Mit neuen Werkzeugen erlernt er eine neue Fähigkeit: das Erwirtschaften von Feldern. Damit sichert er seine Lebensmittelvorräte, er siedelt sich dauerhaft an und muss gegebenenfalls seine Felder abgrenzen. Die Vereinigung mehrerer Erzeuger und die Verbindung zur örtlichen Handelsstätte sicherte eine konstante Einnahmequelle. Solange Güter erzeugt wurden, blieb Handel aktiv und die Siedlung wuchs. Damit war auch seine Familie versorgt. Mit der Zeit wurde der Handelsplatz zu einem wichtigen Zentrum und gemeinsamen Gut und Identität. Bauten drücken Identität aus, die anfangs unbewusst durch regionale Materialien und konstruktive Simplizität gesteuert war. Mit der Globalisierung und heutiger Baukenntnis ist es zu einer komplexen Angelegenheit geworden, die Architekten erarbeiten und entwickeln.
Erst als Bauten Regeln zur Erreichung von Identität folgen mussten betitelt man sie mit dem uns bekannten Begriff Architektur. Ausschlaggebend sind dafür Formulierungen und Studien der antiken Griechen, das aus „arché“, die Erste, und „téchne“, das Handwerk oder Kunst, die uns erste Begrifflichkeit geben. Architektur bedeutet demnach also erste Handwerkskunst. Die antiken Griechen sind im Zeitstrahl der Menschheitsgeschichte ab ca. 800 vor Christus bereits im Zeitalter großer Zivilisationen und Ausbreitung angelangt und natürlich wurden Bauten überall in der Welt, in verschiedenster Art und Weise und weit vor den antiken Griechen entwickelt. Jedoch sind sie mit ihren Schriften die ersten uns bekannten Menschen, die forschend konkrete Regelwerke ausarbeiten und damit den Grundstein einer reproduzierbaren Baukultur setzen.
„Architektur ist eine Kunst in der sozialen Anwendung. Ein Produkt des freien Geistes und der materiellen Bindung zugleich. Diese Ambivalenz unterscheidet sie grundlegend von den freien Künsten.“
- Meinhard von Gerkan
Sie ist keine Freiheitskunst, also kein Gemälde, das man einfach von der Wand abhängen kann, wenn es einem nicht mehr gefällt oder seinen Zweck nicht mehr erfüllt.Sie ist eine Querschnittskunst, mit vielen Sachzwängen und Anforderungen, die mit der richtigen Wahrnehmung der Aufgabe beginnt und mit der Suche nach Antworten auf ein Problem, formuliert in Alternativen und erarbeitet durch Diskussionen, seinen Lauf nimmt. Das bestmögliche Endergebnis ist ein Werk komplexer Zusammenhänge und einer Reihe ineinandergreifender Überlegungen, die zusammen die Essenz der anfänglichen Aufgabe bemerkenswert auf den Punkt bringt. Es benötigt viel Feingefühl, Wahrnehmungssinn und Verantwortung ihren wesentlichen Kern abzubilden sowie Anforderungen und Kontext aufeinander abzustimmen. Wird dieses Ziel erreicht, schafft sie enorm große Substanz und Gewichtung, mit der sich eine gesamte Gesellschaft identifizieren kann. Sie ist das gebaute Zentrum unserer Gesellschaft und verkörpert unsere Werte. Dadurch ist sie in stetigem Wandel und muss immer wieder neue Aspekte setzen, um der Gesellschaft gerecht zu werden. Mit Bauten zu faszinieren ist eine Aufgabe, die mit der verstärkten Identifikation mit dem städtischen Raum und die Verantwortung sozialer Gerechtigkeit näher in den Fokus gerückt ist.




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