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Form folgt Spannung – Frei Ottos Architektursprache

  • dS
  • 11. Juni 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Aug. 2025

Er war Forscher, Freidenker und Träumer. Mit Seil- und Seifenmodellen stößt er eine neue Formensprache an, hebt sich von Kollegen seiner Zeit deutlich ab und ruft zu einer neuen Herangehensweise der Formfindung auf.  Er etabliert sich durch kontroverse Konstruktionen als Zeltbauexperte, gründet und leitet als Professor den Lehrgang Leichte Flächentragwerke. Er sagt von sich er sei weniger Architekt, eher Forscher und lehnt Großaufträge ab, wenn sie nicht zu seiner Haltung passen. In seiner Nische erarbeitet er sich Expertenwissen und gelangt an Megaprojekte, in denen er deutliche Spuren in einzigartigen Bauten hinterlässt.


Ich frage nicht: Wie soll ich bauen? Ich frage: Wie baut die Natur?“



Seine Bauten sind innovativ. Er entwirft für Bundesgartenschau, Expositionen und Pavillons faszinierende Dachkonstruktionen, die organisch, biometrisch und leicht wirken. Manchmal scheinen sie auch zu schweben. Seine Formensprache erarbeitet er nicht anhand von Zeichnungen, sondern indem er Formen in Modellen Freiraum gibt sich zu organisieren. Sie erzeugten unregelmäßige Formen, für die er sich immer mehr Gefühl aneignet und an denen er experimentiert. Er forscht an Seifenoberflächen mit einer extra dafür entwickelten Maschine, der Seifenhautmaschine und findet frei fließende Formen, Ästhetik und Materialeffizienz, die er auf sein Baukonzept erneut und erneut anwendet. Seine Entwürfe werden sicherer und gewagter. Er scheint Grenzen purer Mathematik in einem CAD-losen Zeitalter zu überschreiten und optimiert seine Ergebnisfindung zu einem gestaltungsorientierten Tragwerk. Er denkt ganzheitlich und vereint Parkanlagen, Tragwerk und Architektur zu interessanten Gesamtwerken.


 „Mit ihm musste man lernen, dass es viele andere Aspekte gibt, die nicht mathematisch berechenbar sind. „Riehnecke, Student und späterer Mitarbeiter


Große, zeitgleiche Architekten wie Mies van der Rohe, Egon Eiermann, Frank Lloyd Wright und Buckminster Fuller scheinen eher an der Orthogonalität des Modernismus oder der Bauhaus-Bewegung interessiert. Während seiner Auslandsreise in Amerika lernt er sie kennen, gelangt in Austausch und kehrt für sein Architekturstudium nach Berlin zurück. Seine ersten Entwürfe für Bundesgartenschauten 1955 in Kassel und 1957 in Köln zeigt er seine Affinität für leichte Tragwerke mit Membrandachhäuten unter Zugkraft. Er baut sie mit dem damaligen Weltführer von Zeltbauten Peter Stromeyer und legt damit die Grundlagen für eine langanhaltende Zusammenarbeit. Sie konzipieren eine Bauweise, die mit minimalem Material- und Zeitaufwand stabile temporäre Überdachungen bieten. Das „Buckelzelt“ aus 1957 mit ca. 700 Quadratemetern Dachfläche wurde in Köln abgebaut, abtransportiert und 1958 in Zürich wieder aufgebaut. Der Erfolg dieser Rückbaubarkeit schlug international Wellen, sein Konzept war erprobt und bereit für größere Vorhaben. Mit Beauftragung von Großprojekten muss er sein Konzept hochskalieren. Der erste Großauftrag kommt 1967 mit der Beauftragung eines Pavillons für die Weltausstellung in Montreal. In seinem dafür gebauten Prototyp ist noch immer das Institut für Leichtbau in Stuttgart, das er seit Anfang und lange Jahre leitete. Zusammen mit Rolf Gutbrod konzipiert er eine Konstruktion von Masten und Stahlseilnetz auf ca. 8.000 m² Dachfläche, auf das sich Polyestergewebe spannt. Den Wettbewerb gewannen sie nicht zuletzt, da sie mit Ihrer Fertigung von Einzelteilen in Deutschland Zeit gewinnen konnten. Auch der Aufbau in Montreal dauerte nur wenige Wochen. Die Rückbaubarkeit hatte er bereits bewiesen.


Olympiahalle, München
Olympiahalle, München

Diese Struktur hatte die Architekten Behnisch und Partner beeindruckt, die mit der Planung des Olympiaparks in München für die Olympiade beschäftigt waren. Für sie entwirft er 1972 eine Struktur, die eine Leichtathletikhalle, eine Schwimmhalle, ein Sportfeld und Außenbereiche überdacht. Auch hier war ihm die Dimension von ungefähr 70.000 m² Dachfläche unbekannt. Sein Konzept schafft es aufs Neue. Es ist das erste Projekt, für welches er eine speziell entwickelte CAD-Lösung nutzt. Auch wenn er die Fläche unterteilt, aufgrund der Skala muss er Anpassungen vornehmen. Riesige Betonanker werden in den Untergrund als Gegengewicht gesetzt, um die großen Zugkräfte der Dachkonstruktion abzuleiten. Zugseile und Seilschlaufen verbinden Pylone mit einer doppelt gekrümmten Fläche, ein hyperbolisches Paraboloid. Die gegenseitige Verspannung von durchdrückend und durchhängend formt ein natürliches, statisches Gleichgewicht von Druck und Zug. Sie können mit wenig Material hohe Spannweiten überbrücken und dynamischen Lasten gut standhalten. Seifenhaut hat ähnlich Eigenschaften, Spannungen verteilen sich gleichmäßig in jede Richtung. Aufgefangen werden diese Kräfte in einem verspannten Stahlkabelnetz und überliegend eine wasserdichte Schicht mit transparenten Plexiglasplatten hergestellt, die sich eingerahmt mit Gummilippen verdichten. Die mächtige Baukranähnlichkeit der Pylonen wird durch die ästhetisch natürliche Bewegung des Daches abgefangen.



„Kompression ist schwerer zu bauen als stets stabil bleibende Zugkraft.“  - Frei Otto


Er stellt sich neuen Herausforderungen. 1975 baut er im Herzogenriedpark in Mannheim eine Multihalle mit völlig anderen Ansätzen. Anstatt Zug, nun Kompression. Anstatt Stahlkabeln, jetzt Holz. Eine umgedrehte Kraftrichtung erfordert eine andere Herangehensweise und er erstellt hier keine Seifenhautfotografien, sondern ein Kettengewichtmodell. Damit tut er es der Person gleich, die ihn bereits lange inspiriert: Antoní Gaudí. Aus dem Modell leitet er eine riesige Holzgitterkuppel ab, die stützenfreie Innenräume bietet und sich von Rechtecken hin zu ihren unteren Verbindungspunkten zu Rauten zieht. Natürliche Formen gelangen in Eigenregie und Unterordnung der Naturkräfte in eine Balance, die durch mathematische Unterstützung in ein bauliches Konzept übersetzt werden kann. Anstatt mit Mathematik und Geometrie anzufangen, dreht er den Spieß um und erstellt zuerst die Form.


Er baute nicht viele Gebäude, sein Impakt war philosophisch. In freifließenden Formen beweist er wie man die Denkarbeit von Form und Struktur vereinen und sichtbar verständlich machen kann. Seine Bauten wirken nicht erzwungen, als kämen sie gar nicht von Menschenhand. Teilweise gleiten sie tuchähnlich schwerelos über der Landschaft, als hätte man es gerade so noch geschafft, sie aus der Luft einzufangen und zu befestigen. Autor außergewöhnlicher Bauten, Naturforscher und Textilskulptor. Er war Frei, frei von Konvention und Zwang und voller Innovationsdrang.

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