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Die Dekarbonisierung im Gebäudesektor

  • dS
  • 2. Jan. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Aug. 2025

Primärenergiebedarf, Gebäudeenergiegesetz, Dekarbonisierung. Neue Wörter sind in unseren Sprachgebrauch gelangt und man fragt inzwischen in seinem Bekanntenkreis, wie ihr Haus beheizt und gebaut ist. Es ist ein interessantes Thema und der Gebäudesektor steht vor der Aufgabe seinen CO²-Austoss in die Atmosphäre zu minimieren, um seinen Anteil zum Klimaschutz beizutragen. Während Verkehrs- und Industriesektor vorangeschritten sind, gilt der Gebäudesektor noch als schlafender Riese in der Klimadebatte. Wie zukunftsfähiges Bauen aussieht, ist unklar. Ändert sich jedoch wenig ziehen dunkle Wolken auf.


Eine graue Welt, Folgen der Dekarbonisierung
Eine graue Welt, Folgen der Dekarbonisierung

Bereits in den 1950-er Jahren kamen die ersten Hinweise auf den Treibhausgaseffekt. Seit 1997 gilt das Kyoto-Protokoll, seit 2015 das Pariser Abkommen mit dem 1,5-Grad-Ziel. Der Ruf nach einer Abkehr von fossilen Energieträgern und von Verbrennungsprozessen ist lauter geworden. Mit Industrie-, Verkehrs- und Gebäudesektor sind die drei Hauptverantwortlichen Emissionsträger definiert. Bauen beteiligt sich mit 37%1 am Problem, was ungefähr zwei Dritteln deutscher Bestandsgebäude mit Baujahr vor der ersten Wärmeschutzverordnung 19762 zuzuordnen ist. Auch ist ungefähr nur jedes Achte2 Gebäude vollsaniert. Hinzukommend hatte man sich in der deutschen Nachkriegszeit auf Bautempo konzentriert. Woher Baustoffe an die Baustelle kamen und wieviel Energie man aufwendete war mindestens zweitrangig. Plattenbauten und ähnliche Bauweisen gaben dem Bauen im städtischen Raum einen erhöhten CO²-Fußabdruck. Aus energetischem Blickwinkel geht es in Gebäuden um effiziente Energieerzeugung und möglichst niedrige Verluste. Demnach unterteilen sich Wohnbauten in die Hauptbestandteile Hülle und Technik. Die Qualität der Gebäudetechnik kann mittels Energieverbrauch auf den Quadratmeter bilanziert oder erfasst sowie ihre Komponenten mit einem Wirkungsgrad beschrieben werden. Die thermische Qualität der Gebäudehülle drückt sich über U-Werte aus, wobei jedes außenberührte Bauteil mittlerweile einem Maximalwert gerecht werden muss. Die Gebäudehülle ist wichtig, da ungefähr 70% des Energieverbrauchs auf das Heizen zurückzuführen ist und Bauteile diese Energie, je nach Außentemperatur und Dämmschutz, nach außen abgeben. Die thermische Qualität deutscher Bestandsbauten ist heutigen Heizkosten großflächig nicht mehr gewappnet, weshalb sich mittlerweile Jeder den Energieausweis genau anschaut. Der Unterschied zu Neubauten ist mittlerweile so stark ausgeprägt, dass ein riesiger Nachholbedarf entstanden ist und Einem beim Immobilienkauf sogar zum Verhängnis werden kann. Die Hauptproblematik liegt auf der Hand, eine Vollsanierung ist jedoch, je nach Baujahr und Zustand, ein kostspieliges Vorhaben, für viele untragbar. Das ist der wahrscheinlichste Faktor des trägen Gebäudesektors. Verdeutlicht kommt diese Trägheit in der Beheizungsstruktur3 zum Ausdruck, in der seit 2000 nur kleinstanteilig weniger Gas und Heizöl als Heizmedium sowie mehr Wärmepumpen und Fernwärme als Tendenz bemerkbar sind. Seit 1990 hat man in 30 Jahren 40% der Gebäudewärme reduziert, was bis 2030 gemäß Prognose in 10 Jahren2 erreicht werden soll. In den folgenden 15 Jahren soll deutschlandweit die Klimaneutralität folgen und 65 Prozent Erneuerbare Energien im Wärmemix erreicht werden. Am Ende der Wärmekette sollen kostspielige und hocheffiziente Nullemissionsgebäude stehen, die einem Energienetz möglichst wenig entziehen. Währenddessen werden teure Gas- und Kohleimporte getätigt und kostenintensiv transportiert, um sie hier zu verbrennen. Die Strategie zum Wärmemix ist ebenso entscheidend für die Dekarbonisierung. Städte, Kommunen und Energielieferanten sind mit dem Ausbau von Wärmenetzen beschäftigt und die deutsche Bundesregierung schaut, welche Strategien in großem Maße investitionsfreundlich sind. Zumindest sollte sie das, denn die Gesamtkette ist ausschlaggebend. Bevor ein Gebäude beheizt werden kann, muss Wärme erst ins Gebäude kommen. Von Energie- und Wärmeerzeugern gehen Verteilungsnetze bis zu Gebäuden, in denen Personen oder Prozesse wohnen. Nun sind mit der Gebäudequalität und der Energieinfrastruktur 2 von den 3 Problematiken beschrieben und der Vollständigkeit halber, muss auch der Faktor Mensch genannt werden. Als Endnutzer formen seine Angewohnheiten und biologischen Bedürfnisse den Endenergieverbrauch, sie steuern zu wollen ist aber vergebens. Um strategisch zu denken, muss man von steuerbaren Elementen ausgehen. Ein Gesamtkonzept ganzheitlich umzudenken und umzusetzen braucht eine Menge Ressourcen, Tatkraft und in diesem Ausmaß auch langen Atem. Außerdem sollten Beteiligte nicht überfordert, sondern in ihrer Entscheidung befähigt und mit richtigen Ansätzen motiviert werden. Die neuen Gesetze helfen nicht in der Lösungsfindung, sondern sind Druckinstrument und kehren die Verantwortlichkeiten um. Eher sollte die Bundesregierung ihre Aufgabe darin sehen, Wärmenetze mittel- oder langfristig vor- oder aufzubereiten, um Planungs- und Versorgungssicherheit zu erhöhen und Alternativen zu bieten. Besonders bei Wohnraummangel Anforderungen des Bauens zu verschärfen ist eine Entscheidung, die Konsequenzen mit sich zieht. Bauakteure kommen ins Schwitzen, denn sie sind in große Verantwortung gezogen und müssen gezielt Entscheidungen treffen. In Zeiten starken Wandels langfristig zu Denken ist eine schwer zu bewältigende Aufgabe. Großer Nachholbedarf und teures Bauen ist eine nur schwer zu verdauende Paarung, für die vielfältige Lösungen, Technologieoffenheit und zeitliche Flexibilität gefragt sind. Unrealistische Zielvorgaben machen keinen Sinn, es geht um umsetzbare Strategien.


"Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." - Antoine de Saint-Exupéry, 1942


Anstatt sie als zu bestrafendes Versäumnis zu sehen, ist sie doch auch Chance etwas zu verändern und kommenden Generationen keine aussichtslose Situation zu hinterlassen. Denn man kann etwas tun, natürlich mit Kosten und Aufwand verbunden, aber man kann. Die deutsche Bundesregierung zeigt sich auf internationaler Bühne als tatkräftiger Mitstreiter des Klimawandels, ist aber für seine eigene Mannschaft eher harter Schiedsrichter als motivierter Trainer. Ähnlich wie in Zeiten der Migrationspolitik der Kriegsgeflüchteten möchte Deutschland scheinbar vorreiterhaft agieren und verankert neue Meilensteine und Pflichten, deren Überschreitung mit der CO²-Steuer künstlich verteuert wird. Ein anderer Ansatz wäre Unterschreitungen oder Ideen zu belohnen. Das wäre doch ehrenhaft, wenn sich Arbeit auch mal doppelt und dreifach lohnen würde. Noch dazu mit geistiger Sinnhaftigkeit, mit der man auch noch den Impakt auf die Umwelt verbessert und zu tiefgründigerer Denkarbeit anstoßt. Zum Beispiel durch einen Ideenwettbewerb mit anständiger Vergütung, in dem die harten Fronten von DIN & Co auf der Suche nach zukunftsfähigeren Bauweisen aufgelockert sind und man experimentelle Bauten testet oder Konzepte weiter analysieren lässt. Das wäre eine andere, doch denkbare Strategie hin zum Ziel. Zu Motivieren, statt zu drohen.


Die Dekarbonisierung im Gebäudesektor bleibt eine große Herausforderung, die Deutschland sich selbst verschärft. Sich optimistisch zu positionieren und per Handlungsdruck darauf zu setzen, dass sich das Blatt schon wenden wird, ist eine gefährliche Einstellung. So notwendig sie ist, zwischen schnell voranpreschen und durchdacht Handeln steckt abzuwägendes Risiko, an dem man schon häufig eher gescheitert als gewachsen ist. Nur in guter Zusammenarbeit geschehen sinnvolle Entwicklungen, nicht im fristbedingten Durchdrücken erhöhter Forderungen und Verpflichtung zum Invest.

 

 

1 UN-Status Report, 2022   2 Frontier Economics   3 BDEW/ Statista

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