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Die Energiewende in Deutschland, Schnittstelle von Energie und Architektur

  • dS
  • 1. Feb. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Juli 2025


Seit der Ölkrise 1970 hat Deutschland sich aufgrund verheerender Nachfolgen einer besseren Gestaltung der Energieversorgung gewidmet. Diese Überlegungen geschahen auf zwei Ebenen: Ausbauen einer unabhängigeren Position durch eine größere Bandbreite von Energiequellen sowie eine Senkung des Verbrauchs. Von Zweiterem ist die Bauwirtschaft zu erheblichem Teil mitverantwortlich, in 2023 zu 35%* der Endenergie. Die Regierung steckt mit der Dekarbonisierungsstrategie große Ziele zur Klimaneutralität, die Gebäude langfristig wirtschaftlich und wettbewerbsfähig machen. Die Bemühungen konkretisieren die Schnittstelle zwischen Architektur und Energie und entwickeln Aspekte nachhaltigen Bauens.  

Besonders in der Nachkriegszeit in Deutschland brauchte man schnelle Bauprozesse für den Wiederaufbau. Die bereits bekannte Bauweise der Industrialisierung aus dem 18. und 19. Jahrhundert aus England, die durch Bautempo neuen Arbeitern aus ländlichen Bereichen rasch Unterkünfte verschaffte ließ sich gut mit der Denkweise des Modernismus wie der Bauhaus-Idee von Walter Gropius aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts verbinden. Vielen gefielen die funktionalen und kostengünstigen Ansätze des „Neuen Bauens“. Ornamentlose, kastenförmige Baukörper mit lastbefreiten Fassaden, offenem Grundriss und Lichtbändern sind Komponenten, die Corbusier in seinen „5 Punkten einer neuen Architektur“ behandelt. In dieser Zeit wurde Architektur mit verbesserten Tragwerken neu konzipiert, die Materialpalette blieb jedoch mit Stahl, Glas und Beton, Wunderbaustoff des 20.Jahrhunderts, größtenteils gleich. Es entstanden funktionale Bauten, nicht nur im Grundriss sondern nun auch an der Fassade durch sichtbare Tragwerke bemerkbar. Die strenge Strukturierung sorgte für modulares Bauen und große Fensterflächen ermöglichten das Prinzip "Licht, Luft und Sonne". Dem Gebäudetyp E oder Plattenbau, ein Bau in Ballungsräumen mit Baujahr aus den Sechzigern und Siebzigern, hatte man qualitätsmindernde Abstriche gegeben. Ein Fehler, den es nicht zu wiederholen galt. Daher wurden in der Wärmeschutzverordnung von 1976 Obergrenzen für bauteilspezifische Energieverluste festgelegt, was Überlegungen neuer Materialkonzepte und Bauweisen erforderlich machte. Aus ihr entwickeln sich Verordnungen wie die Energieeinsparverordnung aus 2014 und das Gebäudeenergiegesetz aus 2020, verschärften ihre ursprüngliche Ziele und gelten als politische und wirtschaftliche Impulse ehrgeiziger Festlegungen zur Klimaneutralität. Seit dem im Pariser Abkommen 2015 das 1,5°-Ziel festgelegt wurde, bemerkt man mit dem europäischen Klimagesetzt aus 2021 stärkere Bemühungen, erneuerbare Energien zu fördern. Deutschlands Gebäudebestand verbraucht im Jahr 2023 im Durchschnitt 137 kWh/m²a**, Neubauten können es bis unter die 25 kWh/m²a-Grenze der A+-Einstufung in der EnEV-Skala schaffen. Diese Skala ist ein qualitätssicherndes Werkzeug zum energieeffizienten Betrieb und verhilft mit Kenngrößen des Energieverbrauchs zur Vermarktung. Ebenso entstehen aus ihr neue Begrifflichkeiten wie Passivhaus, Plusenergiehaus, Niedrigenergiehaus und Aktivhaus, alle auf der Suche nach neuen Ansätzen. Heutzutage baut man, nach Corbusiers Leitbild der „Maschine zum Wohnen“, modular, funktional und zeitgemäß sowie mit stärkerer Vernetzung von Technologien. Da Heizenergie ungefähr 70%*** des Energieverbrauchs im Gebäudesektor ausmacht, setzt man Photovoltaik, Solarthermie, Luftwärmerückgewinnung und Smart-Home für Heizstrategien unterstützend ein, um Effizienz und den Einsatz erneuerbarer Energie zu steigern. Moderne Wärmepumpen können, je nach Art und Gegebenheiten, zum Beispiel aus 1 kWh Strom durch Wärmezufuhr natürlicher Energiequellen 5 kWh Wärmeenergie erzeugen****. Dieses Verhältnis ergibt ihre Leistungszahl.


Im Gegensatz zum High-Tech-Gedanken versucht eine Low-Tech-Bewegung durch Bauteilqualität, korrekte Anordnung sowie Ausrichtung niedrigen Technologieeinsatz auszugleichen. Die Bauweise der letzten Jahrzehnte wurde kritisch analysiert und Baustoffe werden nun immer sinnvoller angewandt. Stark belastete Bauteile werden weiterhin in Stahlbeton, der verstärkt wiederverwendete Anteile haben kann, gebaut, können aber seit der Aktualisierung der DIN 4102 - Brandverhalten von Baustoffen in 2016 auch mit Bauholz ausgeführt werden. Dachstühle aus Holz wurden durch geometrisch vereinfachte Flachdächer im Modernismus großflächig ersetzt und Lösungen zur Entwässerung sowie Dachbegrünung implementiert. Unser Stadtbild löst sich langsam von dominanten Putzfassaden, denn Holz hat ein noch vorsichtiges, dennoch gelungenes „Comeback“ geschafft. Besonders in Außenwänden, die bereits seit Langem lastfrei gebaut werden, sind Freiheiten des experimentierfreudigen Bauens wie Strohballen, Lehm, Dämmziegel und andere Neuigkeiten bemerkbar. Beim Bau des neuen Al Natura-Zentrums 2020 in Darmstadt von Sauerbruch Hutton hat man Baustoffe sinnvoll ihren Eigenschaften zugeordnet und nachhaltiges Bauen gefördert. Ein von der Fassade gelöstes Tragwerk aus Stahlbeton ermöglicht eine Lehmfertigteilfassade sowie Dachstruktur aus langen Holzträgern. Die Fassade scheint für die Fertigteilherstellung rhythmisiert worden zu sein und füllt Lücken mit Fensterflächen und wetterfesten Platten. Es sticht mit Integration umweltfreundlicher Technologien hervor und ist ein Beispiel moderner Architektur, die ästhetischen als auch ökologischen Anforderungen gerecht wird.

Politik hat die Architektur zu einer neuen Orientierung aufgerufen und sie stärker in Verantwortung einer neuen Bauweise zur Energieeffizienz genommen, denn unsere Gebäude drücken unseren Wissensstand und unsere gesellschaftlichen Erfolge aus. Seit dem neuen Jahrtausend sind gedanklicher Umbruch und Veränderungsoffenheit der Energiewende stärker bemerkbar. Heute gilt Deutschland als Vorreiter im Bereich energieeffizienten Bauens und nachhaltiger Architektur. Wir blicken auf spannende Jahrzehnte der Veränderung im Bauwesen und haben durch politische Vorgaben ein sinnvolles Instrument um Materialität in Architektur wieder aufleben zu lassen.

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* Global Alliance for Buildings and Construction (GlobalABC, 2019) 

**Deutsche-Energie-Agentur (dena, 2014) Leitfaden Energiebedarfsausweis: Datenaufnahme Wohngebäude

***Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK, 2021), Energiedaten: Gesamtausgabe - Kapitel 5: Energieverbrauch in Haushalten

****Stromverbrauch von Wärmepumpen: Berechnung und Einsparmöglichkeiten, Bosch Home Comfort


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